Welt : "Ave Maria": 1,72 Mark Miete im Jahr

Johannes Keienburg

Zum Zahlen seiner Miete faltet Martin Friedrich die Hände. Dann spricht er mit geschlossenen Augen ein "Ave Maria". So steht es geschrieben - in seinem Mietvertrag. Für genau 1,72 Mark im Jahr und drei Gebete am Tag wohnt Martin in einer Zweizimmerwohnung der ältesten Sozialsiedlung der Welt. Eine Mieterhöhung hat es hier seit knapp fünfhundert Jahren nicht gegeben: 1,72 Mark, das war einst ein Rheinischer Gulden. Erbaut wurde die Augsburger Siedlung im Jahre 1518 im Auftrag von Jakob Fugger dem Reichen.

Den Kaisern Maximilian I. und Karl V. diente er als Bankier, für bedürftige Menschen errichtete er eine heile Welt. Kein reines Almosen, kein gewöhnliches Armenhaus, darauf legte Fugger Wert. Und so verlangte er den symbolischen Mietpreis und das katholische "Ave Maria". Protestanten bleiben die Holztore der Siedlung damit bis heute verschlossen. Martin Friedrich ist katholisch. Seit gut drei Jahren wohnt der 74-jährige Renter in der Sozialsiedlung, die heute von der Fuggerschen und acht weiteren wohltätigen Stiftungen getragen wird. "Ich bin froh hier zu sein", meint er. "Man ist nicht alleine, meine Nachbarn sind gute Freunde geworden." Rund 70 ockerfarbene Häuschen mit kleinen Fenstern und blumenverkleideten Außenwänden reihen sich in den weiten Gassen aneinander, umrundet von einer Steinmauer. Ein bisschen wie in einer verträumten Märchenstadt schaut es hier aus. Unterbrochen wird die Idylle der rund 200 Bewohner nur von den Heerscharen an Touristen. "Ein wenig seltsam fühle ich mich schon, wenn ein fremdes Gesicht durch mein Fenster blickt", meint Martin. "Aber man gewöhnt sich dran." Erst um 10 Uhr abends kehrt endgültige Ruhe ein. Die Siedlung schließt ihre fünf Tore und ein Nachtwächter kontrolliert den Zugang. Einfacher haben die Touristenscharen das Leben in der Fuggerei mit Sicherheit nicht gemacht. Anfragen gibt es dennoch nach wie vor mehr als Plätze - gerade in den Wintermonaten. Auf eine Wohnung kommen momentan bis zu 30 Bewerber: Menschen wie Martin, die sich eine normale Wohnung kaum leisten können. Sie bezahlen auf ihre Weise: Mit drei Gebeten am Tag.

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