Welt : Babymilch: Wer ist schuld?

Humana-Produktentwicklung machte die entscheidenden Fehler

Christian Hönicke

Mindestens vier schwere Fehler sind für den Tod der beiden Säuglinge in Israel durch mangelhafte Babymilch verantwortlich. Die koschere Soja-Babymilch wurde von der deutschen Firma Humana auf Anforderung des israelischen Vertriebspartners Remedia entwickelt. Sie enthielt zu wenig Vitamin B1, das für die Entwicklung von Säuglingen von entscheidender Bedeutung ist. An den Folgen starben bereits zwei Kinder, mindestens 15 sind schwer erkrankt. In Russland stoppten die Behörden gestern den Verkauf aller Humana-Produkte.

Humana-Sprecher Rupert Ahrens räumte ein, dass die entscheidenden Fehler in der Abteilung Produktentwicklung passierten. Bereits bei der Berechnung der Rezeptur war fälschlicherweise von einer vermeintlichen Überdosierung an Vitamin B1 ausgegangen worden – deshalb hatte man auf eine weitere Anreicherung verzichtet. Die Folge: Das Produkt hatte zu wenig von dem Vitamin.

„Das kann passieren, dafür gibt es ja die Qualitätssicherung“, sagte Ahrens. Doch auch diese Kontrollinstanz konnte den Mangel nicht aufdecken. Mit der Untersuchung des ersten Produktionsausstoßes wurde die Landesuntersuchungsanstalt für Agrarprodukte (Lufa) in Kiel im März beauftragt. Dort vergaß man schlichtweg, einen Wert zu beleuchten – ausgerechnet den Vitamin-B1-Gehalt. Das fiel irgendwann auch einer Humana-Mitarbeiterin auf. In einem Telefongespräch bot die Lufa an, diesen Test noch nachträglich durchzuführen. Und dann folgte, was Ahrens rückblickend den „schlimmsten Fehler“ nennt: Der Humana-Produktentwickler (oder die -entwicklerin, das ist noch immer nicht klar) am anderen Ende der Leitung lehnte das Angebot ab. Man würde diesen Test bei Ausstoß der zweiten Produktionscharge durchführen, da ansonsten zu viel Zeit verloren gehen würde. „Das ist eine absolut menschliche Verfehlung“, sagte Ahrens. „Die Qualitätskontrolle hat versagt.“ So gelangten insgesamt zehn Tonnen Vitamin-B1-arme Milch nach Israel.

Wer genau dafür verantwortlich ist, wollte Ahrens nicht sagen, obwohl Humana bereits „inhaltliche und personelle Konsequenzen“ angekündigt hatte: „Wir legen das im Detail noch fest und wollen erst mit dem zuständigen Mitarbeiter reden. Bis zum Wochenende wird Klarheit herrschen.“ Vieles spricht dafür, dass die Leiterin der Produktentwicklung gehen muss, gegen die bereits die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und eines Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz ermittelt. Außerdem wird gegen die Leitung des Qualitätsmanagements und gegen einen Chemiker ermittelt.

Das Verbraucherschutzministerium fordert aber tiefer greifende Konsequenzen. „Es muss sichergestellt werden, dass nicht auch bei anderen Produkten und Rezepturen Fehler aufgetreten sind“, sagte eine Sprecherin von Ministerin Renate Künast am Mittwoch. In einem Brief an die zuständigen Länderbehörden bat Künast darum, die Lebensmittel-Überwachung zu intensivieren. Nordrhein-Westfalens Verbraucherschutzministerin Bärbel Höhn (Grüne) will nach einer Schwachstellenanalyse bei der Firma entscheiden, ob eine Änderung des gesamten Überwachungssystems nötig sei.

Zudem wurden auch für den deutschen Markt bestimmte Soja-Produkte von Humana überprüft. „Es gibt keinerlei Anzeichen, dass diese nicht in Ordnung sind“, sagte jedoch die Herforder Landrätin Lieselore Curländer. Ahrens kündigt dennoch an, „weitere Sicherungen“ einzubauen – wenngleich er der Meinung ist, dass sich ein solcher Fall in Deutschland ohnehin nicht hätte ereignen können. „Jede Rezepturänderung wird muss gemeldet werden und wird geprüft.“ In Israel würden andere Bestimmungen gelten.

Tatsächlich oblag es dem Vertriebspartner Remedia, sich vor der Produkteinführung in Israel zu vergewissern, dass die Babymilch in Ordnung ist. Das geschah nicht: der dritte Fehler. Gegen das Management der Firma ermittelt inzwischen die israelische Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung. Schließlich Fehler Nummer vier: Auch die israelische Gesundheitsbehörde interessierte sich zunächst offensichtlich nicht weiter für die Rezeptur.

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