Welt : Babys sehen Nahrung, Männer Sex, Firmen Geld

BETTINA WEIGUNY

MÜNCHEN .Die Menschen verehren und fürchten sie, sie bereitet Lust und kann den Tod bringen.Kaum jemand bleibt neutral, wenn es um die weibliche Brust geht.Dichter haben sie besungen als "Zwillinge von Gazellen" und "Weintrauben" wie der biblische Dichter Salomo oder als "verliebtes Apfelpaar" wie der Poet Francois Villon.Maler verewigen sie in ihren Bildern, üppig aus einem Mieder quellend oder schamhaft bedeckt.

Systematisch hat sich erstmals die amerikanische Philologin Marilyn Yalom mit den "Kronjuwelen der Weiblichkeit" auseinandergesetzt.Die Frauenforscherin an der kalifornischen Stanford-Universität hat mit ihrem Buch "Die Geschichte der Brust" die erste umfassende Kulturgeschichte geschrieben.

Yalom verfolgt das Auf und Ab der Brust im Wandel der Zeit.Sie beschreibt die Vergötterung großbusiger Idole in der Steinzeit bis hin zu der Politisierung barbusiger Frauen während der Französischen Revolution als Symbol von Freiheit und Gleichheit.Im 20.Jahrhundert stelle die Brust für jeden Betrachter etwas anderes dar, schreibt Yalom."Babys sehen Nahrung.Männer sehen Sex.Ärzte sehen Krankheit.Geschäftsleute den kommerziellen Wert." Und die Autorin sieht Unterdrückung.Religionen verwendeten weibliche Brüste als spirituelle Symbole, Politiker zu nationalistischen Zwecken.So sei während des ersten Weltkriegs auf Plakaten mit der "Mutterbrust" für den Kriegsdienst geworben worden.

Zwei Bedeutungen der Brust treten in Yaloms historischem Abriß immer wieder in den Vordergrund: Die "positive" als Nahrungsquelle und die "dämonisch böse" als Symbol der Wollust und Todsünden.Als ein Beispiel führt die Autorin die grausame Hinrichtung der "Hexe" Anna Pappenheimer um 1600 in Bayern an.Der Vorwurf gegen die Frau: Sie habe Sexualverkehr mit dem Satan gehabt.

Die 66jährige Dozentin für Frauen- und Geschlechterforschung sagt, die weibliche Brust sei über Jahrhunderte hinweg von den Männern "übertrieben erotisiert" worden.In der Werbung, der Pornographie oder durch die Pin-up-Poster vollbusiger Frauen wie Marilyn Monroe und Gina Lollobrigida werde die Brust heute zum Spielball der männlichen Lust degradiert.



Busenfixierte Gesellschaft



Als Folge der "busenfixierten Gesellschaft" seien siebzig Prozent der Frauen in den USA heute unzufrieden mit ihrer Figur.Immer mehr Frauen litten an Mager- und Eßsucht, ließen sich die Brust vergrößern oder Fett absaugen, um dem Frauen-Ideal näherzukommen.Ihr Buch sei keine beschreibende Kulturgeschichte, sondern verfolge einen "feministisch-aufklärerischen Ansatz", sagt sie.Sie kämpfe für das Ende der Erotisierung.

Der Anblick eines Busens sollte Männer nicht mehr erregen als der Anblick eines schönen Knies oder Schenkels."Vielleicht werden unsere Enkelinnen ihren Oberkörper entblößen können, wann sie wollen, ohne Angst vor moralischer Zensur, Strafanzeige oder Vergewaltigung."

Marilyn Yalom: "Die Geschichte der Brust", Marion von Schröder-Verlag, 58 Mark.

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