Backnang : Trauer, Misstrauen und ein türkisch sprechender Nils Schmid

Bei der Trauerfeier für die Opfer der Brandkatastrophe in Backnang sprach der stellvertretende Ministerpräsident Nils Schmid einige türkische Worte. Seine Frau ist türkischstämmig. Unterdessen wollen die Türken die Opfer erneut obduzieren.

Hans Georg Frank
Nils Schmid und seine türkischstämmige Frau Tülay bei der Trauerfeier.
Nils Schmid und seine türkischstämmige Frau Tülay bei der Trauerfeier.Foto: dpa

Das fehlende Vertrauen der türkischen Seite in die Ermittler nach der Brandkatastrophe von Backnang belastet aus Sicht von Baden-Württembergs Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) das Verhältnis zu Deutschland. Der türkische Vizepremier Bekir Bozdag hatte am Dienstag gesagt, dass die Leichen der Brandopfer in der Türkei erneut obduziert werden sollen. „Das dient nicht der Totenruhe, aber auch nicht dem gegenseitigen Vertrauen“, sagte Öney. „Wenn es Vertrauen gegeben hätte, würde die türkische Seite nicht auf eine Autopsie bestehen“, sagte die türkischstämmige Ministerin. „Das finde ich sehr schade.“

Der stellvertretende baden-württembergische Ministerpräsident Nils Schmid, (SPD), begleitet von seiner türkischstämmigen Frau Tülay, musste gegen Tränen ankämpfen, als er gestern im Hof der Backnanger Eyup Sultan Moschee zu der riesigen Trauergemeinde sprach. Bei den Toten handle es sich um sieben Kinder, "die nie mehr auf der Straße spielen werden mit ihren Freunden". Gestorben sei eine Mutter, "die nie mehr rufen wird, kommt zum Essen". Als stellvertretender Ministerpräsident sah Schmid, der teilweise auch türkisch sprach, "ganz Baden-Württemberg in Trauer vereint".

Schmid sicherte auch den aus Ankara eingeflogenen Politikern - voran Vize-Ministerpräsident Bekir Bozdag und Landwirtschaftsminister Weysel Eroglu - die vollständige Aufklärung der Katastrophe zu: "Wir werden alles daransetzen, dass die Ursache des Brandes herausgefunden wird - Sie können sich darauf verlassen." Allen Migranten, "egal welcher Herkunft", versicherte Schmid, sie könnten "hier sich sicher und zuhause fühlen".

Bozdag informierte seine Landsleute, dass alle Untersuchungen der deutschen Behörden genau beobachtet würden. Er erwarte, dass "sämtliche Möglichkeiten" in Erwägung gezogen würden - "auch eine radikale Situation wie in der Vergangenheit". Hatte der türkische Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu am Vortag den deutschen Ermittlern noch "volles Vertrauen" entgegengebracht, so schränkte der Vize-Ministerpräsident dies deutlich ein, als er ankündigte, die acht Leichen würden in Istanbul von eigenen Gerichtsmedizinern obduziert. Die für gestern vorgesehene Bestattung musste daher verschoben werden.

Die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Önay (SPD) bedauerte das Misstrauen der türkischen Regierung, das durch die erneute Leichenschau zum Ausdruck komme: „Das sind Dinge, die nicht sein müssen.“

Backnangs Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) ging in seiner Trauerrede von "einem tragischen Brandunglück" aus. Den Angehörigen und der türkischen Gemeinde sprach er "unsere tief empfundene Anteilnahme aus" und ergänzte auf Türkisch: "Allah herkese rahmet eylesin" (Möge Gott uns gnädig sein). Nopper erinnerte daran, dass Christen und Muslime an ein Leben nach dem Tod glaubten. „Bestimmt sehen wir uns eines Tages wieder“, rief er den Getöteten nach.

Auf Tischen im Hof des Gemeindezentrums standen die acht Särge. Sie waren bedeckt mit einem grünen Tuch mit Koransuren, der türkischen und der deutschen Fahne. Den Sarg der 40-jährigen Mutter Nazli schmückte zusätzlich ein weißes Tuch. Iman Necati Akbulut sang die Totengebete, nachdem am Vorabend die rituellen Waschungen vorgenommen worden waren.

Die Großmutter Hatice Özcan (62), die aus dem brennenden Haus zusammen mit einem Sohn und einem Enkel gerettet werden konnte, hatte gerade noch genug Kraft, um zum Sarg des sechs Monate alten Säuglings Murat zu gehen. Dann mussten ihre Söhne und Helfer des DRK-Notfallnachsorgedienstes sie wegbringen. Den Sarg des Babys hatte Botschafter Karslioglu mit zu den wartenden Fahrzeugen gebracht.

Die Politiker aus Baden-Württemberg und der Türkei hatten vor der Trauerfeier das ausgebrannte Haus besichtigt. Sie zeigten sich erschüttert über die Folgen der Katastrophe, die mit größter Wahrscheinlichkeit auf einen technischen Defekt zurückzuführen ist. Die Polizei hatte gestern noch keine neuen Erkenntnisse. Bis zweifelsfrei feststeht, ob tatsächlich kaputte Stromkabel das Feuer ausgelöst haben, könnten noch "mehrere Tage, wenn nicht sogar Wochen" vergehen, sagte ein Polizeisprecher.

Im Gemeindezentrum des islamischen Kulturvereins waren neue Nachrichten – neben dem üppigen Frühstück – auch gestern sehr begehrt. "Nach Mölln, Solingen und Ludwigshafen sind die Deutschtürken diesmal in Baden-Württemberg sehr tief erschüttert", schrieb die türkische Zeitung "Post" (Auflage in Baden-Württemberg 60 000). Die Gazette "Türkiye" berichtete ausführlich über den Griechen Christos Kiroglu, der drei Mitglieder aus der brennenden Wohnung in einer früheren Lederfabrik gerettet habe. Auch Kiroglu habe, wie Mitglieder der betroffenen Familie, den Hausbesitzer mehrfach auf den schlechten Zustand hingewiesen. Dass ein solcher Brand ausbrechen könnte, sei vorhersehbar gewesen. Sollte dem Hausbesitzer „vorwerfbares Verhalten“ nachgewiesen werden können, werde gegen ihn ermittelt, hatte der Polizeichef des Rems-Murr-Kreises, Ralf Michelfelder, erklärt, „aber dazu ist es im Moment noch zu früh“. Der Mann soll noch in Thailand Urlaub machen.

Kiroglu, Wirt der Gaststätte "Merlin", ist jetzt selber betroffen. Das Löschwasser habe sein Lokal so stark beschädigt, dass es nicht mehr geöffnet werden könne, sagte er auf Anfrage. Über seine heldenhafte Rettungsaktion wollte er nicht reden: "Dazu habe ich keine Lust mehr."

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