Welt : Bahnchef Hartmut Mehdorn stellt sich vor den 28-jährigen Lokführer

Jörn Hasselmann

Die entscheidende Frage blieb unbeantwortet: Wieso beschleunigte der Lokführer des D 203 seine Lok wieder auf Tempo 122. In einer zweistündigen Pressekonferenz von Bahnchef Hartmut Mehdorn am Freitag in Berlin gab es keine wesentlich neuen Erkenntnisse über das Zugunglück in Brühl bei dem am Sonntag acht Menschen getötet wurden. Mehdorn räumte allerdings ein, dass der 28-Jährige bei der damaligen Bundesbahn zweimal durch die Prüfung gefallen sei und daraufhin die Lokführerprüfung bei einer Kölner Privatbahn gemacht habe. Erst jüngst sei er nach einem vereinfachten Kenntnisnachweis zur DB gekommen.

Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt ausschließlich gegen den Mann. Wann Ergebnisse vorgelegt werden können, sei ungewiss. Auch das Eisenbahn-Bundesamt, eine Art Aufsichtsbehörde der DB, rechnet frühestens Mitte nächster Woche mit Ergebnissen, sagte EBA-Sprecher Mark Wille.

Mehdorn betonte, dass alle Weichen und Signale richtig funktionierten und dass alle schriftlichen Strecken-Informationen für den Lokführer korrekt waren. "Es gab keine Dinge, die einen verwirren konnten." Eine Langsamfahrstelle mit Tempo 120 zum Schutz der Arbeiter auf der Baustelle habe es nur in der Gegenrichtung gegeben. Diese war allerdings auch, wie üblich, in der "La" des Lokführers des D 203 verzeichet. Die "La" ist die Liste der Langsamfahrstellen.

Klären kann die Ursache nur der 28-jährige Lokführers - doch der will sich nur schriftlich über seine Anwältin äußern. Darauf wartet die Staatsanwaltschaft. Gegen ihn werde wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt. Mehdorn stellte sich gestern ausdrücklich vor seinen Mitarbeiter. Erst wenige Tage zuvor hätte dieser mit einem erfahrenen Ausbilder die Strecke abgefahren. Zu diesem Zeitpunkt gab es allerdings die Baustelle nicht. Durchgefallen sei der Mann im Übrigen damals wegen des lokomotivtechnischen Teils der Prüfung, nicht beim Fahrdienst. Ob der 28-Jährige zu den 5500 Lokführern gehört, die ein Gefahren- und Stresstraining in einem Fahrsimulator absolviert haben, sagte Mehdorn nicht. Insgesamt hat die DB 27 000 Lokführer.

Mehdorn und das EBA widersprachen sich gestern in der Angabe, ab welcher Stelle der Zug beschleunigte. Mehdorn sagte, dass der 28-Jährige korrekt Tempo 40 fuhr, bis der letzte Waggon die Baustelle passiert hatte. Dagegen sagte EBA-Sprecher Wille, dass der Zug schon rund 300 Meter nach dem Tempobegrenzungs-Signal ZS 1 bereits Tempo 92 drauf hatte. Dieses ZS 1 besagt, "Achtung hier ist etwas besonderes". Der Zug hätte über mehrere Kilometer bis zum Ausfahrtsignal im Bahnhof Brühl Tempo 40 beibehalten müssen - denn der Zug musste ja noch über die abzweigende Weiche 48.

Die DB hatte gegen 20.30 Uhr am Sonnabend begonnen, eine Weiche zu erneuern. Die Züge in Richtung Koblenz wurden deshalb auf das Gegengleis geleitet. Dies ist möglich, da die zweigleisige Strecke signaltechnisch wie zwei eingleisige ausgestattet ist. Mit zur Katastrophe beigetragen hat, dass im Bahnhof Brühl nur eines der beiden Bahnsteiggleise der Gegenrichtung ein Ausfahrtssignal in Gegenrichtung hatte. So mussten die Züge ein weiteres Mal links von Durchgangsgleis abzweigen - dort, auf Weiche 48, entgleiste der Zug mit Tempo 122. Mehdorn betonte, das Signal sei nicht vorgeschrieben. In nordrhein-westfälischen Medienberichten hieß es dagegen, dass Eisenbahner in Brühl seit 25 Jahren dieses Signal gefordert hatten. Gegen den 28-Jährigen spricht jedoch, dass in den Stunden vor dem Unfall zehn Lokführer ohne Probleme den Abschnitt passiert hatten.

Bei 30 Prozent der Unfälle der DB versagt der Mensch, nicht die Technik. Vor zehn Jahren waren es 50 Prozent. Überhöhtes Tempo sei bislang keine auffällige Ursache gewesen sagte Mehdorn. In den kommenden Jahren will die Bahn Milliarden in Sicherheit investieren: vor allem in elektronische Stellwerke, aber auch in Fahrsimulatoren und die Überwachung der Loks bei der Fahrt. Die viel befahrene Strecke ist inzwischen wieder frei gegeben.

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