Welt : Bald fallen die Vorhänge

Christo und Jeanne-Claude installieren im New Yorker Central Park 7500 Tore für ihr Projekt „The Gates“

Silvia Feist[New York]

Grau. Der Himmel, die Zweige, der Park. Einer dieser Tage, die so tun, als sei kein Schirm nötig, um einen dann langsam mit nasser Luft zu durchweichen. Aber die meisten der Frauen und Männer, die heute im Central Park sind, hätten ohnehin keine Hand frei für einen Schirm. Peter Bales dirigiert einen Gabelstapler: „Noch ein Stück, stopp, und jetzt einen Inch nach rechts, absetzen.“ Ein weiterer Stahlsockel ist platziert. Einer von 15000, die zum Fundament für das größte öffentliche Kunstwerk werden, das es in New York je gab: „The Gates“.

Es ist die jüngste Arbeit des Künstlerpaars Christo und Jeanne-Claude – und gleichzeitig eine ihrer ältesten. Als sie vor zwei Jahren die Genehmigung für das Projekt bekamen, waren seit dem ersten Antrag 24 Jahre vergangen: Ein Jahr mehr, als die Erlaubnis für die Verhüllung des Reichstags in Berlin gebraucht hatte.

Beide sind glücklich, dass sie so lange warten mussten. „Damals wären ’Die Tore’ ein trauriges Projekt geworden“, sagt Jeanne-Claude. Christo erklärt: „Es hieß ’Die Tausend Tore’, und sie waren 1,20 Meter niedriger.“ Nun werden stattdessen 7500 Stahlrahmen die Fußwege des Central Parks überspannen. Die Tore sind fast 5 Meter hoch und 1,80 bis 5,50 Meter breit. Am 12. Februar werden daran fast 3 Meter lange Vinylvorhänge herabgelassen. Im Winterwind werden sie zu einem safrangelben Fluss in der Luft. Der mäandert von Nord nach Süd, von Ost nach West – 37 Kilometer Kunst.

1100 Männer und Frauen sind damit beschäftigt, die Vision des Künstlerpaares zu installieren und dafür zu sorgen, das alles glatt geht – vom Transport über den Aufbau bis zur Sicherheit. Jetzt sind die ersten hundert dabei, die Stahlsockel aufzubauen. Jeder Sockel bekommt rechts und links eine Markierung, die aussieht wie eine überdimensionierte Buchstütze aus Plastik in Neonorange. Viele der Arbeiter sind selbst Künstler: Maler, Regisseure, Schauspieler. Sie messen zuerst die Abstände von knapp vier Metern aus, die nur verändert werden, wenn die Tore sonst an tiefhängende Äste stoßen.

Christo und Jeanne-Claude haben es zum Prinzip ihrer Arbeit erklärt, dass nach dem Abbau alles ist, wie es war. „Als wir die Inseln in der Biscayne Bay umsäumt haben, haben wir erst mal tonnenweise Müll eingesammelt. Den haben wir natürlich nicht zurückgebracht“, kokettiert Jeanne-Claude. Sie leihen sich Orte auf Zeit – Spuren bleiben nur in der Erinnerung, vorab dokumentiert in Christos Zeichnungen. Und ab der Eröffnung dann in Fotos, den offiziellen und den Schnappschüssen der Besucher.

Die Arbeit beginnt morgens um sieben und geht bis um vier Uhr nachmittags. Nur Eis auf den Wegen kann sie stoppen. „Sicherheit hat oberste Priorität“, sagt Peter Bales, „es wäre viel zu gefährlich, wenn die Gabelstapler ins Schliddern gerieten.“ Bales ist Musiker und Toningenieur. Er hat 500 Dollar in wetterfeste Kleidung investiert. „Das hat sich gelohnt, und ich habe das Geld in knapp zwei Tagen raus“, sagt er. Die Löhne sind gestaffelt. Für ganz einfache Arbeiten gibt es den New Yorker Minimumstundenlohn von 6 Dollar plus eine heiße Mahlzeit, andere bekommen 225 Dollar oder 275 Dollar Tagessatz plus Essen. Viele haben Lust auf die Projekterfahrung; manche sind Wiederholungstäter, die schon früher für Christo und Jeanne-Claude gearbeitet haben.

Das Paar zahlt alles selbst und betont, keine Sponsorengelder zu akzeptieren. Die Tore werden rund 20 Millionen Dollar kosten. Das finanzieren sie dadurch, dass Christo alle Projekte von der Idee bis zum letzten Entwurf in Skizzen, Zeichnungen und Collagen dokumentiert. Jeanne-Claude verkauft die Arbeiten. Bis 1994 traten sie auf, als sei er der Künstler und sie seine Managerin. Dabei entstand ihre erste gemeinsame Arbeit schon 1961: Gestapelte Ölfässer und Hafenverpackungen, in Köln. „Alles, was wir für Außenräume kreieren, sind unsere gemeinsamen Arbeiten“, sagt Christo.

Zum Auftakt der Arbeiten waren sie im Park. Sie schauen regelmäßig vorbei. Aber noch ist in ihrem Haus-Atelier- Büro-Galerieraum, in dem sie seit 1964 leben, zu viel zu tun, um die Arbeit komplett zu beaufsichtigen. Da vertrauen sie auf erprobte Kooperationspartner.

Frank Seltenheim, der in Berlin die Firma „Seilpartner“ betreibt, arbeitet seit der Verhüllung des Reichstags mit dem Paar. Er ist mit sechs Leuten angereist. Bei den Amerikanern heißen sie nur „the German unit“, die deutsche Einheit, und es klingt wie ein Spezialkommando. Seltenheim grinst: „Was uns speziell macht, ist, dass wir hier wahrscheinlich zu den wenigen gehören, die schon mal professionell körperlich gearbeitet haben.“ Wenn es an schwierige Standorte wie Treppen geht, müssen die Deutschen ran. „Die eigentliche Herausforderung ist die Logistik“, sagt er. Täglich werden die Stahlsockel geliefert. Gestapelt wirken sie selbst wie eine minimalistische Monumentalskulptur. 5000 Tonnen werden bis Anfang Februar bewegt – eine Masse von zwei Dritteln des Eiffelturms. Dabei hat jeder Sockel seinen eigenen Platz: „Ein 5,50-Meter-Tor hat eine ganze andere Windlast auszuhalten als eines der schmalen Tore“, erklärt Seltenheim. Er verständigt sich mit den anderen im Park über Walkie-Talkie. So machen das Jeanne-Claude und Christo seit jeher Zuhause über ihre fünf Stockwerke hinweg auch.

Der Countdown läuft. Von einer Schutzhülle bedeckt, warten fast 100000 Quadratmeter Stoff darauf, entrollt zu werden.

Nach 26 Jahren wird eine Idee unvergänglich durch ihre Vergänglichkeit: Der Wind wird nur 16 Tage durch „Die Tore“ wehen – vom 12. bis 27. Februar.

www.christojeanneclaude.net

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