Welt : Barfuß zum Erfolg

Die blonde Engländerin Joss Stone ist 18 Jahre alt und singt wie eine alte schwarze Südstaaten-Mama

Senta Krasser

Sie sieht noch immer irgendwie süß aus mit ihren 18 Jahren, mit diesem Rauschgoldengelshaar und diesem leichten Babyspeck, den meist ein flatteriges Etwas aus der Flower-Power-Altkleiderkiste kaschiert. Aber Joss Stone ist kein „Bravo“-Poster-Girl, nicht das neueste Teenager-Produkt, das vom Pop-Musik-Förderband fiel. Dieses kleine große Mädchen kann wirklich singen. Aus 1,78 Metern tönt bester bluesiger Soul – was jeglichem nostalgischen Klischee widerspricht. Denn wenn Joss Stone singt, dann mit der Inbrunst und Tiefe einer mindestens 53jährigen schwarzen Südstaaten-Mama, deren Söhne in Bandenkriegen starben und die einen gewalttätigen Ehemann erduldet. Der ganze Schmutz und Schmerz der Welt scheint sich in Joss Stones Stimme auszudrücken.

Wer wollte, konnte dieses Talent erahnen, als die Tochter eines Obst-Großhändlers und einer Managerin für Ferienwohnungen einst über die Weiden der südenglischen Grafschaft Devon zog, um Kühen und Pferden ihre Interpretation von „Amazing Grace“ vorzutragen. Vor einigen Wochen dann trug Joss Stone beim Londoner Live8-Konzert vor einem Millionen-Publikum dazu bei, die Welt ein bisschen zu retten. Auch Madonna half, Elton John und Annie Lennox, die üblichen Verdächtigen. Joss Stone schien von den Stars unbeeindruckt. Sie zog ihre Schuhe aus, wie sie es immer tut vor Show-Auftritten, trat auf die Bühne, nahm das Mikrophon und riss die Menge hin.

Dieser Gig hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass sich Joss Stones zweites Album „Mind, Body & Soul“ noch besser verkaufte. Seit ihrem Debüt mit „The Soul Session“ hatte sich allerdings der Name Joss Stone in vielen Kreisen schon herumgesprochen. Man feiert sie als „die weiße Aretha Franklin“, als „die neue Dusty Springfield“. Elton John wird mit ihr demnächst ein Weihnachtslied aufnehmen. Mit den Rolling Stones geht sie im Oktober auf Tour. Joss Stone wird eine große Zukunft vorausgesagt. Und die verdankt sie, außer ihrer begnadeten Stimme, ausgerechnet der Vergangenheit. „The Soul Session“ ist ein Retro-Cover-Album im Sound des „Southern Soul“. Es führt in eine musikalische Ära zurück, die Joss Stones Altersgenossen bestenfalls aus der Plattensammlung ihrer Eltern kennen.

Sie selbst kaufte sich mit zehn Jahren ein Best-Of ihres Idols Aretha Franklin. Deren „All the King’s Horses“ findet sich auf Joss Stones Debüt, wie auch neun weitere fast vergessene Ol’-Soul-Songs – was ja verdienstvoll ist. Zweifler jammerten, die Göre aus dem englischen Kaff imitiere nur, sie habe keinen eigenen Stil. Und einige afroamerikanische Medien räsonnierten, dass in jedem zweiten Gospelchor Amerikas eine Stimme wie Joss Stones anzutreffen sei – nur eben keine mit weißem Elfengesicht und blonden, langen Haaren. Einer damals 16-Jährigen sprachen sie ab, über schmutzige Männer („Dirty Man“) singen zu dürfen.

Im Herbst 2004 kam das Nachfolgealbum „Mind, Body & Soul“ auf den Markt, wieder ein CD-Cover-Traum in Lila, der Lieblingsfarbe des Blumenkinds aus Devon, aber diesmal mit Stücken, an denen Joss Stone selbst mitkomponiert hat. Es dreht sich um Probleme, die bei Langstreckenflügen auftauchen („Jetlag“), oder um Trennungsschmerz („You had me“). Das meiste ist eine Aufbereitung des alten Soulmaterials mit den Mitteln des Pop. Wieder hört sich alles perfekt an, es ist in Wartehallen konsumierbar und gleichzeitig clubtauglich.

Der große Befreiungsschlag von der Vergangenheit ist der 18-Jährigen bisher nicht gelungen. Mag sein, dass das geschäftliche Gründe hat. Die barfüßige Soul-Prinzessin hat die Bodenhaftung jedenfalls nicht verloren: „Das Wichtigste ist für mich, dass ich so bleibe, wie ich bin.“ Und vermutlich ahnt sie nicht einmal, dass ihr Credo verdächtig an den Werbeslogan einer Diätmargarine erinnert. Für den amerikanischen Hosenbeinbekleider Gap wird Joss Stone von diesem Spätsommer an werben. Als neues Gap-Girl tritt sie immerhin die Nachfolge von Sarah Jessica Parker („Sex and the City”) an. Als die Spots gedreht wurden, sei ihr Po gedoubelt worden. Hieß es. Auf Joss Stones Homepage werden diese bösen Gerüchte dementiert. Aber das gehört dazu.

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