Basar in Istanbul : Ein bröckelndes Stück Orient

Der Große Basar in Istanbul ist akut feuer- und einsturzgefährdet. Doch die Behörden tun nichts dagegen.

Thomas Seibert[Istanbul]
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Gefahr im Verzug. Mehrere hunderttausend Besucher zählt der Große Basar von Istanbul fast jeden Tag.-Foto: AFP

Hasan Firat muss nur aus seinem Fenster schauen, um das Problem zu sehen. An einem grauen Februartag prasselt der Regen auf das Dach des Großen Basars von Istanbul, gleich hinter dem Büro des Vorsitzenden der Händlervereinigung im Basar. Stattliche Büschel von leuchtend grünem Unkraut und Gras haben sich zwischen den roten Dachziegeln festgesetzt, Risse laufen durchs Mauerwerk. „Die letzte Dachreparatur war 1982“, sagt Firat. „Dabei muss bei so einem alten Gebäude eigentlich alle fünf Jahre mal nach dem Dach geschaut werden.“

Er gehört zum Pflichtprogramm jedes Istanbulbesuches. Die Touristen schlendern durch seine gewölbten Gänge, feilschen mit den Händlern und erleben ein Stück Orient – doch der große Basar in der Altstadt der türkischen Metropole ist akut brand- und einsturzgefährdet. Regenwasser läuft durch das undichte Dach bis in die Fundamente, Teile des 40 000 Quadratmeter großen Gängegewirrs rutschen jedes Jahr ein bis zwei Zentimeter zur Seite. Hinzu kommt eine wachsende Feuergefahr durch veraltete Stromleitungen. Firats Händlervereinigung fordert Reparaturen, doch die Behörden sind durch Kompetenzwirrwarr gelähmt, obwohl sie um die Probleme wissen.

Der Basar kann jeden Augenblick einstürzen

Kurz nach der osmanischen Eroberung von Konstantinopel im 15. Jahrhundert gegründet, erhielt der Kapalicarsi, der „geschlossene Basar“, wie die Türken den Großen Basar nennen, über die Jahrhunderte eine überragende wirtschaftliche Stellung. Selbst heute, im Zeitalter der Globalisierung, werden immer noch 60 Prozent der türkischen Goldexporte über den Basar abgewickelt, und die Kurse der Devisenhändler in einer Seitengasse des Bauwerks gelten nach wie vor als richtungweisend. Drei von vier Istanbultouristen machen einen Abstecher in den Basar. „Die kommen hierher, nicht in die modernen Einkaufszentren“, sagt Firat stolz. An einem guten Tag in der Hochsaison werden mehr als 300.000 Touristen gezählt, die im Basar billige Souvernirs, aber auch Schmuck, Teppiche und Porzellan kaufen. Die etwa 4000 Läden im Basar geben 30.000 Menschen Arbeit.

Möglicherweise wird der Basar nicht mehr lange zu bewundern sein. Der Istanbuler Bürgermeister Kadir Topbas sagte, er werde vielleicht das nächste Jahrhundert nicht mehr erleben. Nevzat Er, der für den Basar zuständige Bürgermeister des Stadtteils Eminönü, warnte schon vor zwei Jahren, der Basar könne jeden Augenblick einstürzen. Das Regenwasser könne unter anderem deshalb die Fundamente angreifen, weil Diebe die Bleibeschichtung vom Dach gestohlen hätten, sagte Er. Einige Ladenbesitzer schwächten die Statik des Riesenbaus zusätzlich, indem sie ohne Genehmigung die Wände zwischen zwei Läden einrissen.

Für Hasan Firat ist besonders die Bedrohung durch Feuer akut. „Die Stromleitungen wurden in den achtziger Jahren verlegt, als es noch kaum Klimaanlagen oder starke Lichtstrahler gab“, erzählt er. Inzwischen sei der Stromverbrauch eines Ladens sechsmal so hoch wie damals berechnet. Die Folge sind häufige Stromausfälle – und die Gefahr eines Brandes durch die überlasteten Leitungen.

Doch warum wird nichts getan, wenn Händlern und Lokalpolitikern die Gefahren bekannt sind? Firat nennt ein Beispiel: Nicht weniger als neun Ministerien in der Regierung von Ankara wollen mitreden, wenn es um den Basar geht. Auch in der Kommunalverwaltung wisse niemand so recht, wer eigentlich zuständig sei. Firats Verband weiß nicht einmal, wie viel Geld eine Sanierung kosten würde, denn sein Verband darf keine Schätzungen in Auftrag geben. So wartet der Händlerchef darauf, dass die Behörden bald etwas tun. Schließlich wird Istanbul im kommenden Jahr als Kulturhauptstadt Europas zum Aushängeschild der Türkei. Ein einstürzender Basar sähe da nicht gut aus.

Während sich Firat in seinem Büro den Kopf über die vielen Probleme des jahrhundertealten Baus zerbricht, wissen die meisten Besucher in den Gängen nichts von der Gefahr. „Im Moment sieht es doch okay aus“, lacht ein britischer Tourist, als er über die Mängel informiert wird. Selbst jene Besucher, die etwas wissen, reagieren eher fatalistisch als alarmiert. Ja, er habe gehört, dass es im Basar innerhalb der nächsten Jahre oder bei einem Erdbeben krachen werde, sagt Birol, ein türkischer Tourist. „Aber bei einem Erdbeben wird es sowieso überall in Istanbul schlimm sein.“

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