Bedrohte Tiger : Zahn um Zahn

Der Tiger ist vom Aussterben bedroht – das will Russland ändern: beim "Internationalen Tiger Forum".

von
Dieser Tiger lebt in einem Zoo in Jakarta. Foto: AFP
Dieser Tiger lebt in einem Zoo in Jakarta.Foto: AFP

Sie machen gar kein Geheimnis daraus. Tigerfelle hängen an den Wänden ihrer Geschäfte, werden für Interessierte vor dem Verkaufstresen ausgerollt, nicht dahinter. An Marktständen liegen Tigerzähne auf Tüchern ausgebreitet, Kunden bleiben stehen, verhandeln Preise.

In Mong La, Hauptstadt des vierten Spezialbezirks, Shan State, Birma, an der Grenze zu China, wo in Hotels Kondome auf dem Kopfkissen liegen statt Schokolade, was auch mit den Tigern auf den Märkten zu tun hat. Denn es hält sich die Annahme, Tigerprodukte seien potenzsteigernd, aus ihren Knochen ließen sich Wundermittel gewinnen. Und deshalb werden Tiger gejagt, manchmal mit Fallen, manchmal treten die 250 Kilogramm schweren Tiere auf Minen und verletzten sich, manchmal werden sie mit Maschinengewehren niedergemäht. Ihre Kadaver werden auf die Schwarzmärkte gebracht, auch Leichenwagen dienen zum Transport.

Adam Oswell, australischer Fotograf, seit 1986 in Thailand lebend, war in Mong La unterwegs, im Niemandsland an der birmanisch-chinesischen, der birmanisch-thailändischen und der thailändisch-laotischen Grenze. Er hat überall mit Händlern gesprochen, die ihm freimütig erzählten, dass sie Großbestellungen von Fellen oder anderen Tigerprodukten über Bangkok und das thailändische Postsystem erledigen würden. Sie haben ihm auch erzählt, dass die meisten Kunden Ausländer seien, Koreaner, Taiwanesen.

Oswell hat seine Beobachtungen aufgeschrieben, einen Undercoverreport zum illegalen Tigerhandel im Auftrag des Tierschutzvereins WWF und des Netzwerks Traffic, die auch dabei sind, wenn sich jetzt in Sankt Petersburg die Mächtigen der Welt treffen zum „Internationalen Tiger Forum“, dem ersten internationalen Gipfeltreffen, das zum Schutz einer einzigen Tierart stattfindet.

Es kommen Minister aus allen 13 Ländern, in denen der Tiger noch vorkommt, es kommen Vertreter der Weltbank, es kommen die US-Außenministerin, der iranische Vizepräsident, der chinesische Ministerpräsident und seine Amtskollegen aus Nepal, Bangladesh, Laos und natürlich, denn er ist Gastgeber und Forumsinitiator, Wladimir Putin, Regent in Moskau und Freund wilder Tiere.

Auch in seinem, in Putins Land kommt er noch vor, der Tiger, als sibirischer oder Amur-Tiger, der der größte aller Tiger ist. Bis zu drei Meter 20 wird der lang, Schulterhöhe: ein Meter. Tiger bringen es auf Spitzenleistungen von 60 km/h, können fünf Meter hoch und zehn Meter weit springen, ihre Kraft zu rühmen, ist also keine Schande, Prominente wie der Schauspieler Leonardo DiCaprio stehen dafür zur Verfügung, fahren nach Fernost und appellieren an die Menschen, das mächtige, prächtige Tier überleben zu lassen.

Auch der Amur-Tiger stand kurz vor der Ausrottung, da half ihm ein 1993 vom damaligen russischen Premier Tschernomyrdin aufgelegtes Rettungsprogramm. Wilderer wurden gejagt, Schmuggler verhaftet, die Menschen im weiten Osten des Landes zur Kooperation bewegt. Und innerhalb kurzer Zeit hat sich die Population erholt. WWF-Sprecher Roland Gramling: „Der Tiger ist eine Katze, und jeder Katzenbesitzer weiß, wie schnell die sich vermehren, wenn man sie lässt.“

Das Problem des Amur-Tigers waren in der weiten Steppe Ostrusslands vor allem die Wilderer, andere Tigerarten sind vom Vordringen des Menschen in ihre Lebensräume bedroht, von Waldrodungen. „Erst kommen die Holzfäller“, sagt Gramling, „dann die Wilderer.“

Der WWF hofft, dass in Sankt Petersburg alle eine Erklärung unterschreiben. Bis 2022 soll die Tigerzahl verdoppelt werden. Aber jenseits von Programmen und Erklärungen muss man auch die Menschen erreichen, die heute noch auf Märkten an- und verkaufen, muss sie überzeugen. Der Bericht von Oswell hat es gezeigt, es gibt Gegenden, die Behörden nicht erreichen, in denen werden Regeln nicht durchgesetzt. In einem Zehnpunkteplan, den sie zum Gipfel in St. Petersburg dabeihaben, fordern die WWF-Vertreter deshalb neben der Einrichtung von Tigerschutzzonen und Sofortzahlungen auch, dass Gewinne aus dem Tigerschutz mit den lokalen Gemeinden geteilt werden.

Aber es ist nicht leicht, mit ein bisschen Geld, Tierschutz- und Artenschutzargumenten gegen einen Schwarzhandel vorzugehen, der für fast alle Beteiligten enorme Gewinne abwirft, den Kunden ausgenommen – der mutmaßlich zu den Reichen und Mächtigen gehört, die sich nicht belehren lassen müssen.

Der letzte offiziell genehmigte Export einer getöteten Großkatze aus Birma datiert laut einer Datensammlung der UN von 1997, dem Jahr, in dem Birma dem Artenschutzabkommen beitrat.

Dem birmanische Tiger hat dieser Beitritt bisher wenig genützt.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben