Welt : Behörden im Inzestfall unter Druck

Justizministerin will Verjährungsfristen für Sexualstraftaten verlängern/Schaulustige belagern Amstetten

Amstetten - Angesichts des Inzestfalls von Amstetten ist in Österreich eine Debatte um härtere Strafen für Sexualdelikte entbrannt. Justizministerin Maria Berger wies am Freitag entsprechende Forderungen von Innenministers Günther Platter und der rechtspopulistischen Opposition zurück. Das bisherige Strafmaß von bis zu 20 Jahren Haft sei streng genug, sagte Berger der Tageszeitung „Kurier“. Gleichzeitig aber sprach sie sich für längere Verjährungsfristen von Sexualstraftaten aus. Medienberichten zufolge tauchten in einem Archiv in Linz unterdessen Gerichtsdokumente aus dem Jahr 1967 auf, die belegen sollen, dass Josef Fritzl bereits vor seiner Tochter mindestens eine junge Frau vergewaltigt hatte.

Berger kündigte eine Verdoppelung der bisherigen Verjährungsfristen von Sexualdelikten für als gefährlich eingestufte verurteilte Täter an. In einem geplanten „Gewaltschutzpaket“ sei eine Verlängerung der Tilgungsfrist um 100 Prozent vorgesehen, sagte sie. Bisher wurden Vorstrafen in der Alpenrepublik je nach Schwere der Tat spätestens nach 15 Jahren automatisch gelöscht. Platter plädierte dafür, die Vorstrafen für schwere Taten nie aus den Akten zu entfernen. Im Fall Fritzl gab es keinen Eintrag im Vorstrafenregister, als er bei den Behörden die Adoption dreier Kinder beantragte, die er mit seiner Tochter E. gezeugt hatte. Laut Bericht der „Oberösterreichischen Nachrichten“ fand sich im Landesarchiv aber ein mehr als 40 Jahre altes Gerichtsdokument über den inzwischen 73-Jährigen – dabei ging es um die Vergewaltigung einer 24-Jährigen in Linz. In einem Polizeibericht von 1967, aus dem die Zeitung zitierte, sowie aus eigenen alten Artikeln ging hervor, dass Fritzl schon vorher wegen versuchter Vergewaltigung einer 21-Jährigen und Exhibitionismus polizeilich registriert war.

17 Jahre später sperrte Fritzl seine eigene Tochter E. in ein Kellerverlies seines Hauses im Amstetten, wo er sie wie seine Sexsklavin hielt und sieben Kinder mit ihr zeugte. Drei von ihnen adoptierten er und seine Frau, drei weitere wuchsen bei ihrer Mutter im Keller auf, ohne jemals das Tageslicht zu sehen. Die Behörden in Amstetten hatten stets erklärt, ihnen seien keine Fakten bekanntgewesen, die dagegen sprachen, dass Fritzl in den 90er Jahren drei Kinder adoptierte oder als Pflegekinder aufnahm. Die jetzt aufgetauchten Akten über die Vergewaltigung lagerten in den 90er Jahren wegen der Verjährung bereits in einem Archiv. Fritzl drohen nun 15 Jahre Haft für die Vergewaltigungen seiner Tochter sowie eine lebenslange Haftstrafe für die fahrlässige Tötung des Neugeborenen. Er hatte bereits gestanden, das tote Baby verbrannt zu haben. Seiner Familie, den Nachbarn und den Behörden machte er weis, seine Tochter sei bei einer Sekte untergetaucht.

Ein ehemaliger Untermieter der Familie sagte nun der Zeitung „Die Presse“, das Doppelleben des 73-Jährigen hätte schon vor Jahren entdeckt werden können. Sepp Leitner, der in den 90er Jahren in einer kleinen Wohnung direkt über dem Keller lebte, sagte, er habe sich über seine hohen Stromrechnungen gewundert. „Wenn ich weiter gebohrt hätte, bis das Rätsel mit dem hohen Stromverbrauch komplett aufgeklärt ist, dann wäre man vielleicht schon viel früher auf das Versteck gekommen.“ Auch hätte sein Hund am Treppenabgang ständig gebellt.

Der Inzestfall hat die Aufmerksamkeit von „Katastrophentouristen“ auf Amstetten gelenkt. Für die Stadt sei dies erschreckend, sagte Vizebürgermeisterin Ursula Puchebner. Reisende aus Deutschland würden die Autobahn verlassen, um einen Blick auf das „Horrorhaus“ zu werfen, sagte sie. „Die Motivation, die dahinter steht, ist nicht nachvollziehbar“. Die Landesklinik Amstetten-Mauer, in der die Opfer untergebracht sind und psychologisch betreut werden, wird inzwischen von Journalisten, Fotografen und Kamerateams belagert. Die Klinikleitung musste die Gebäude abschließen und einen Sicherheitsdienst engagieren, da Fotografen alles versucht hätten, um in die Wohnräume der Familie zu kommen.dpa/AFP

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