Welt : Bei aller Liebe

Die Schröders sind die Gerüchte um ihre Ehe leid – jetzt gehen sie gerichtlich gegen eine Zeitung in Brandenburg vor

Andreas Oswald,Peter Siebenmorgen

Von Andreas Oswald

und Peter Siebenmorgen

In den Wochen nach der Bundestagswahl, die Strapazen hatte er gerade hinter sich, sah Gerhard Schröder ziemlich angegriffen aus. Die Koalitionsverhandlungen verliefen harzig, ein paar Tage der Ruhe und Erholung hätten ihm sicherlich besser getan. Wie jedem anderen Menschen mit einer auch nur annähernd starken Belastung auch. Doch einer ganzen Reihe politischer Beobachter war das Naheliegende offenbar nicht Grund genug – für den matten Teint, das zerfurchte Gesicht, die verquollenen Augen des Kanzlers. Oder seine angebliche Übellaunigkeit. Da waren sich viele Parlamentskorrespondenten sicher.

Also mussten Spekulationen her, je wilder, desto besser. Zu wenig Schlaf? Falsche Ernährung? Zu harmlos! Besser macht sich da: Bei Schröders in Hannover hängt der Haussegen schief. Doch trotz aller Lust am Klatsch, die bei Journalisten mindestens so ausgeprägt ist wie die Freude am Schreiben, ging zunächst keine der großen Reportagen vom rot-grünen Elend nach dem glücklichen Sieg vom 22. September über das Stadium der reinen Beobachtung und Beschreibung hinaus. Erst ein Ende November in der Ulmer „Südwest Presse“ gedruckter Bericht – verfasst von einem Kollegen, dem intime Kenntnisse der SPD nachgesagt werden –, kam darauf zu sprechen, worüber allerdings tout Berlin seit einiger Zeit schon tuschelte: Schröder verbringe nun des öfteren die Nächte in Hannover in Hotelbetten; um seine Ehe sei es schlecht bestellt. Kurz darauf, am 4. Dezember, wusste die in Frankfurt (Oder) erscheinende „Märkische Oderzeitung“ gleiches zu berichten.

„Alles Quatsch“

Vermutlich hätte auch dieser Artikel wenig Aufmerksamkeit über die Grenzen der Medienzunft hinaus gefunden, hätten sich die Schröders nicht dazu entschlossen, gegen derartige Meldungen über ihr Privatleben gerichtlich vorzugehen. So aber gab es bei einem Empfang des Bundestagspräsidenten für Parlaments-Berichterstatter in der Vorweihnachtswoche – an diesem Tag liefen die ersten Meldungen über Schröders juristische Schritte – kein anderes Thema mehr. Plötzlich wollte nicht nur fast ein jeder wissen, dass nunmehr auch Schröders vierte Ehe gescheitert sei. Lebhaft wurden auch im Ton des sicheren Wissens bereits die Namen von vermeintlich neuen Liebschaften des Kanzlers gehandelt. An einer Hand abzuzählen waren da die skeptischen Stimmen wie die eines sonst dem Klatsch keineswegs abgeneigten Springer-Journalisten: „Alles Quatsch.“

Mit seiner rechtlichen Attacke hat Schröder, worüber „Focus“ heute berichtet, Erfolg gehabt. Zur Untermauerung hat er beim Landgericht Berlin eine Eidesstattliche Versicherung vorgelegt, der die Richter gefolgt sind. Doch jetzt, wo es aufgrund der causa tatsächlich nachrichtlichen Anlass gibt, die Eheverhältnisse im Kanzlerhaushalt zu reportieren, wirft die Darlegung des Kanzlers für interessierte Kreise womöglich mehr Fragen auf als Antworten.

In seiner Versicherung bestreitet er ja nur, dass es zur Wahl seines Nachtquartiers lautstarke Meinungsverschiedenheiten im Hause Schröder gegeben habe. Oder aber, die Sache wird aus einem anderen Grund keine wirkliche Ruhe bekommen: Denn so, wie man die Schröders mittlerweile kennengelernt hat, wird es wohl nicht allzu lange dauern, bis dem Ende der juristischen Auseinandersetzung ein öffentliches Nachspiel folgen wird. Wird Doris Schröder-Köpf wieder darüber klagen, wie übel gesonnene Medien im politischen Kampf gegen ihren Mann selbst vor der Zerstörung ihrer Privatsphäre nicht zurückschreckten?

Die Privatsphäre als Waffe

So war es beim Steuersong, bei Lafontaines Brüning-Vergleich, beim Streit, ob des Kanzlers Haupthaar gefärbt sei, in der Auseinandersetzung mit den Springer-Medien – so ist es eigentlich immer. Meist hat die Kanzlergattin das letzte Wort. Und merkt dabei offenkundig nicht, dass diese Einmischungen von vielen Medienbeobachtern natürlich nicht als schlichte politische Solidaritätsadresse verstanden werden, sondern als Anmaßung, die dem Ehepartner eines Verfassungsorgans nun einmal nicht zusteht. Oder, schlimmer noch: als verzweifelte Liebesbeweise, die ja nur nötig sind, wenn man es nötig hat.

Gehässige Gerüchte, die die Schröders verständlicherweise nicht ertragen wollen, lassen sich im Einzelfall immer wieder mit rechtlichen Schritten abwehren. Doch die Quelle, aus der sie sprudeln, wird nicht versiegen. Schröder ist daran nicht völlig unschuldig. Als erster Spitzenpolitiker in Deutschland und dann auch als erster Bundeskanzler setzte er seine familiären Verhältnisse auch als Waffe in der Politik ein. Mitte der neunziger Jahre, im Streit mit Rudolf Scharping, fand ein Zitat seiner damaligen Frau Hiltrud den Weg in die Zeitungen – ohne Rechtsstreitigkeiten nach sich zu ziehen: Sie würde ihn nicht mehr lieben, wenn er so wäre wie Scharping oder so, wie der ihn am liebsten hätte. Wenn seine heutige Frau Doris Lafontaine zum Austritt aus der SPD auffordert, dann mischt sie sich in die Politik ein. Was ja ihr Recht ist, doch das Gewicht ihrer Einlassungen speist sich daraus, Gattin des Kanzlers und SPD-Chefs zu sein. Auch hier wurde die Trennlinie zwischen Öffentlichem und Privatem verletzt.

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