• Bei Kriegsende flohen 25 Tiere aus einer Farm am Stadtrand - jetzt sind es über tausend Tiere

Welt : Bei Kriegsende flohen 25 Tiere aus einer Farm am Stadtrand - jetzt sind es über tausend Tiere

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Sie sehen trotz ihrer Ganovenmaske trollig aus, werden in kurzer Zeit handzahm und gelten dennoch in einigen Gegenden schon als Plage: die Waschbären. Seit der Flucht von 25 Exemplaren aus einer Pelztierfarm in Wolfshagen bei Altlandsberg kurz vor Kriegsende haben sie sich vor allem im östlichen Berliner Umland massenhaft vermehrt. Damals war die Anlage bei einem Bombenangriff getroffen worden und lange scherte sich niemand um die bis zu einem Meter langen und rund 22 Kilogramm schweren Tiere. Heute jedoch wird deren Zahl allein in Brandenburg auf rund 4000 geschätzt. Vor allem in der Märkischen Schweiz um Buckow und um Strausberg sind die Kleinbären anzutreffen, doch auch in Randgebieten der Großstadt hinterlassen die nachtaktiven Tiere ihre Spuren.

"Die Geschichte von der bombardierten Pelztierfarm ist zwar sehr verbreitet", sagt der Jäger Manfred Grüner. "Doch vielleicht haben auch amerikanische Soldaten nach dem Krieg den Waschbären bei uns eingeführt oder zumindest einige aufgefundene Exemplare hochgepäppelt." Denn schließlich sei Nordamerika die Heimat dieser flinken und zutraulichen Tiere. Dort gelten Wolf und Luchs als ihre natürlichen Feinde. In Deutschland dagegen haben sie niemanden zu fürchten, außer den Jäger. Doch deren Zahl hält sich bekanntlich in Grenzen, so dass die rapide Vermehrung der Waschbären niemanden verwundert.

Bei Manfred Grüners Anwesen in Leuenberg, nördlich Berlins, können die munteren Gesellen auch tagsüber beobachtet werden. Denn im Streichelzoo vor seinem Gasthof "Forsthaus Leuenberg" finden die Waschbären neben Pferden, Wildschweinen, Schafen, Ziegen und allerlei anderen Tieren den größten Anklang bei den Gästen. Für ein Stück Apfel unterbrechen die zotteligen Tiereschon einmal ihre Tagesruhe und kriechen aus dem Bau hervor. "Sie sind Allesfresser und deshalb in freier Wildbahn ein Problem", erklärt der Fachmann. "Denn sie rauben liebend gern Vogelnester aus und plündern Gärten oder Mülltonnen." Der Rückgang von Wasservögeln im Naturpark Märkische Schweiz werde beispielsweise auf die Waschbären zurückgeführt. Auch viele Kleingärtner besonders rund um Strausberg seien nicht gut auf die Tiere zu sprechen. Schon oft hätten die Eigentümer ihre Ernte nach einem nächtlichen Besuch der Tiere in den Wind schreiben können.

Deshalb will Manfred Grüner mit seinem Streichelzoo die Gäste seines Forsthauses nicht zuletzt über die Gewohnheiten der Waschbären aufklären. Sie dürften in freier Wildbahn auf keinen Fall gefüttert werden, denn sonst kämen sie immer wieder, meist in großer Zahl. Private Fallenstellerei verbieten die Unteren Jagdbehörden der Landkreise. Einzig und allein professionelle Jäger sind zur artgerechten Erlegung berechtigt. Eine Abgabe gefangener Exemplare an Zoos und Tiergärten scheidet aus zwei Gründen fast aus: Zum einen besitzt nunmehr fast jeder Wild- und Tierpark eine Gruppe von Waschbären, und zum anderen ist bei einer solchen Übergabe ein Eigentumsnachweis erforderlich. Die Jäger aber pachten in der Regel nur ein Terrain und scheuen sich offenbar vor dem Papierkram. Für Pelzfarmen oder gar als Delikatesse auf dem Speiseteller taugen die Waschbären gar nicht mehr. Außerdem stehen die Tiere im Verdacht, eine gefährliche Parasitose auf den Menschen zu übertragen.

Wie ernst die Fachleute die schier ungebremste Vermehrung der Waschbären inzwischen nehmen, zeigt ein Zahlenvergleich aus dem östlich an Berlin grenzenden Landkreis Märkisch-Oderland. Dort erlegten die Jäger in der Saison 1997/98 nur 264 Waschbären - etwa ein Drittel des jährlichen Zuwachses.

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