Welt : Bei mir wirste scheen

Sie hat ein Imperium für Schönheit gegründet. Jetzt ist Estée Lauder im Alter von 97 Jahren gestorben

Malte Lehming[Washington]

Wie alt war sie? Woher kam sie? Hat sie einen Schulabschluss? Am Ende eines Lebens sind dessen elementare Fragen meist geklärt. Manchmal jedoch gibt es Ausnahmen, Mysterien. Ein solches Rätsel war Estée Lauder, die letzte Grande Dame der Kosmetikwelt. „Nach Schönheit zu streben, ist ehrenvoll", sagte sie oft. Das Streben nach Schönheit hat die resolute Frau reich und berühmt gemacht. Jetzt starb sie in ihrem Haus im New Yorker Stadtteil Manhattan. Sie sei 97 Jahre alt gewesen, fast so alt wie ein Jahrhundert also, heißt es in der Mitteilung ihrer Familie. Vielleicht war sie sogar etwas älter. Ist das wirklich wichtig?

Ihr Unternehmen ist weltbekannt. Rund zehn Milliarden Dollar ist es wert, es beschäftigt mehr als 20000 Angestellte, seine Produkte verkauft es in mehr als 130 Ländern auf fünf Kontinenten. Die Estée Lauder Companies, zu denen auch die Marken Clinique, Prescriptives und Aramis gehören, ist ein wahrhaft globaler Beauty-Konzern. Er beherrscht mehr als ein Drittel der gesamten Kosmetikindustrie. Begonnen hatte alles vor achtzig Jahren in der Küche von Johann Schotz, dem Onkel von Estée Lauder. Da wurden Salben und Gesichtscremes über einem Gasherd gebraut. Der Duft davon stieg der jungen Estée, die als Josephine Esther Mentzer geboren worden war, in die Nase. Er kompensierte den Gestank der nahe gelegenen Müllhalde.

Flucht vor dem Gestank der Müllhalde

Als biografisch gesichert darf gelten, dass Josephine als neuntes Kind im New Yorker Stadteil Queens auf die Welt kam. Ihre Eltern waren arme Einwanderer. Die Mutter, das schrieb Lauder in ihrer Autobiografie, sei eine „ungarische Schönheit gewesen, deren Mutter eine französische Katholikin und deren Vater ein ungarischer Jude“ gewesen war. Den Vater beschreibt sie als „eleganten, adretten europäischen Monarchen“, der auch in der Neuen Welt sonntags den Spazierstock herausholte und sich Handschuhe überstreifte. Als tschechischer Jude war er vor dem Ersten Weltkrieg nach New York emigriert und hatte dort ein Eisenwarengeschäft eröffnet. Zu Weihnachten verschenkte er an seine Kunden Hammer und Nägel. Tochter Josephine musste die Präsente hübsch verpacken.

Von ihrem Onkel, Johann Schotz, der frankophil war und seine Nichte „Estée" nannte, lernte sie das Handwerk. Schotz war Hautarzt, konnte folglich Salben zubereiten. Darin unterrichtete er das Mädchen. Doch noch wichtiger für ihren Erfolg war etwas anderes – ihr offenes, freundliches Wesen, gepaart mit Witz und Schlagfertigkeit. Estée Lauder, Spitzname Esty, war die geborene Vertreterin. Sie konnte jedem alles andrehen. Langsam expandierte die kleine Salbensiederei, die Produktpalette wurde größer, 1946 wurden offiziell die Estée Lauder Companies gegründet.

Zuvor jedoch heiratete sie zweimal denselben Mann. Der hieß Joseph Lauter, seine Eltern waren aus Galizien eingewandert. Im Jahre 1930 wurde die erste Ehe geschlossen, aus „Lauter" wurde „Lauder", weil das eleganter klang. Neun Jahre später wurde die Ehe geschieden, doch im Dezember 1942 heirateten die beiden erneut. „Ich weiß nicht mehr, warum wir uns getrennt hatten“, sagte sie später. Wieder so ein Rätsel. Vielleicht hatten sie sich erst an ihre Rollen gewöhnen müssen. Joseph war der Hausmann, der die Kinder Leonard und Ronald großzog, Estée die aufstrebende Geschäftsfrau, die kreuz und quer durch die USA reiste, um ihre Ware feilzubieten. Es habe zu der Zeit kein Vorbild dafür existiert, „wie eine emanzipierte Frau und ein liebevoll häuslicher Mann miteinander umgehen konnten“, sagte sie später.

„Eines Tages werde ich haben, was immer ich will“, prophezeite die ehrgeizige Frau schon früh. Wohl wahr. Spätestens seit den achtziger Jahren zählte sie, laut dem Magazin „Forbes“, zu den 400 reichsten Amerikanern. Auch sozial stieg sie immer höher auf. Die Herzogin von Windsor wurde ebenso ihre Freundin wie die Prinzessin von Monaco. Nancy Reagan lud sie zu Partys ein, US-Präsident Richard Nixon wollte sie gar als Botschafterin nach Luxemburg schicken. Dankend lehnte sie ab. Ihr Mann würde ihr Gepäck nicht tragen wollen, sagte sie zur Begründung.

Für deine Erfolge bedanke dich bei den Bedürftigen: In den USA gilt das als eherne Regel. Auch Estée Lauder spendete reichlich. Vor rund vierzig Jahren gründete sie die Lauder-Foundation, die Spielplätze im Central Park finanzierte, sowie ein Institut für Internationale Beziehungen an der University of Pennsylvania. Die Firma führt seit vielen Jahren ihr ältester Sohn Leonard, dessen Bruder Ronald war einmal US-Botschafter in Österreich, entsandt von Ronald Reagan, und kümmert sich vorwiegend um die internationalen Angelegenheiten des Konzerns.

Reiche Stiftungstätigkeit

Ronald wiederum war es, der 1987 die Ronald S. Lauder Foundation gründete. Deren Ziel ist es, das mittel- und osteuropäische Judentum wiederzubeleben. Die Stiftung arbeitet in 15 Ländern, allein im ehemaligen Ostblock finanziert sie etwa sechzig Einrichtungen, darunter Kindergärten, Schulen und Bibliotheken. In Deutschland ist sie mit vier Projekten vertreten. In Berlin wurde vor fünf Jahren das „Lauder Jüdische Lehrhaus“ eingeweiht. Dort werden Lehrer ausgebildet, die insbesondere die jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion betreuen. Mit der „Anti-Defamation-League" arbeitet die Foundation eng zusammen.

All die anderen Größen aus der Kosmetikbranche sind längst tot – Helena Rubinstein, Elizabeth Arden, Charles Revson. Ihre Konkurrenten hat Estée Lauder erst überlebt, dann überholt. Nun zieht auch sie nicht mehr die Strippen. Bleibt das Familienunternehmen trotzdem intakt? Im Juli wird ihr Enkel William die Firma übernehmen. Seit einem Jahr führt er bereits das operative Geschäft. Die Grundregel der Branche heißt: Schönheit kommt nicht nur von Innen. Ihre zweite Regel lautet: Allein der gute Name garantiert den Erfolg nicht auf ewig.

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