Beilage zum Jahresthema des DAAD : Auf Augenhöhe

Yasmine Aguib lebt seit mehr als zehn Jahren in Deutschland. Nun will sie Ägypten helfen.

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Erfolgreich. Yasmine Aguib zögerte nach dem 11. September nur kurz, ob sie wirklich nach Deutschland kommen sollte. Sie entschied sich dafür. Heute ist sie wissenschaftliche Referentin des Präsidenten der TU München. Foto: Astrid Eckert/TUM
Erfolgreich. Yasmine Aguib zögerte nach dem 11. September nur kurz, ob sie wirklich nach Deutschland kommen sollte. Sie entschied...

Das Warten fand Yasmine Aguib am härtesten. Als wissenschaftliche Referentin des Präsidenten der TU München war sie seit März 2011 bei den Vorbereitungen für die Exzellenzinitiative dabei und sah, wie viel Mühe in solch einem Mammut-Antrag steckt. Im November kamen die Gutachter, die Entscheidung fiel erst Mitte Juni. „Wir konnten den Titel verteidigen“, sagt Aguib und lacht erleichtert. Die Ägypterin fühlt sich der TU verbunden. Hier hat sie studiert, geforscht und arbeitet nun an der Internationalisierung der Hochschule. Es ist ein Weg, der für sie nicht selbstverständlich war.

An einem Tag im Frühling 2001 wurden die Weichen gestellt. Die Eltern saßen beim Schneider auf der Couch. Während ihre Tochter ein Kleid für den Abiball anprobierte, flogen zwischen Mutter und Vater Argumente hin und her. Yasmine sei noch so jung, Deutschland sei viel zu weit weg. Ein ganzes Studium sei eine lange Zeit. Und in der Fremde sei sie mutterseelenallein. Auf der anderen Seite: Ein Stipendium, was für eine Chance! Das wollten die Eltern ihr nicht vorenthalten. Doch sobald sich einer von beiden für den Schritt nach Deutschland entschieden hatte, kippte der andere um.

Yasmine Aguib war Jahrgangsbeste in der Deutschen Schule in Kairo geworden; ihr Direktor und zwei Lehrer hatten sie daraufhin für ein DAAD-Stipendium für ein Studium in Deutschland vorgeschlagen. Ein Traum für Aguib, die in Hannover geboren wurde und bis zu ihrem fünften Lebensjahr dort lebte. Lauter schöne Kindheitserinnerungen verband sie mit dem Land. Ihr Vater hatte hier als Ingenieur promoviert, Yasmine Aguib erinnerte sich an Süßigkeiten und Freunde aus der Kinderkrippe. Nun hatte sie drei Tage, um den skeptischen Eltern eine Unterschrift für ihre DAAD-Bewerbung abzuringen. Dabei war sie sich selbst nicht sicher, ob sie ihre Familie schon verlassen will. „Vermutlich nehmen sie mich eh nicht“, versuchte sie zu beschwichtigen.

Während die Auswahl noch lief, begann Aguib ihr Medizinstudium in Kairo. Ganze zehn Tage lang. Dann kam die Zusage vom DAAD. Auch das Bewerbungstelefonat mit der TU München lief gut. Nach 40 Minuten sagte der Professor zu Aguib, sie könne schon mal Koffer packen. Mitten in dieser Aufbruchstimmung flogen zwei Flugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme, in den USA wurden Muslime angegriffen. Ausgerechnet jetzt wollte sie nach Europa?

Aguib ließ sich nicht abschrecken. Kein Wohnheimplatz frei? Dann zog sie eben ins oberbayerische Mühldorf zu einer Gastfamilie. Die Familie hatte sie bereits während eines Schüleraustausches aufgenommen, sie verstand sich mit der Gastschwester und war sofort integriert. „Das schaffe ich“, wurde ihr Motto. Sie wollte anderen Studenten von ihrem Land erzählen, freute sich über jede noch so naive Frage und fand es spannend, das Wissen aus der Deutschen Schule im Alltag anwenden zu können.

Der Weg zur Uni jedoch geriet zu einer halben Weltreise. Zwischen den anspruchsvollen Biotechnologie-Vorlesungen suchte sie nach einer Bleibe in München. Monatelang kassierte sie Absagen. Für eine Wohnungsbesichtigung verpasste Aguib eine prüfungsrelevante Übung und irrte durch unbekannte Straßen – bis sie nach einem Regenguss wie ein begossener Pudel auf einer Stahlbrücke stand. „Warum tue ich mir das an“, fragte sie sich. Die Gastmutter ging jeden Tag davon aus, dass Yasmine aufgibt. Die Mutter zu Hause hörte am Telefon nur ein beschwingtes: „Alles bestens!“

Abbrechen kam für die zielstrebige junge Frau nicht infrage. Das dreijährige Bachelorstudium zur Molekularen Biotechnologie fand sie ideal, schon in der Schule hatte sie Genetik fasziniert. Mit dem Abschluss standen alle Türen offen: Wissenschaftsmanagement, Forschung, Journalismus. Als ägyptische Freunde einwandten, dass Biologie und Chemie zu Hause keinen so guten Ruf hätten wie Medizin, focht sie das nicht an: „Dann wird es Zeit, dass sich das ändert!“

Aus dem Bachelor- wurde ein Masterstudium, es folgte eine Promotion und die Stelle im Stab des TU-Präsidenten. Mehr als zehn Jahre ist sie nun schon in Deutschland. Die Grenzen verschwimmen; wo „zu Hause“ ist, ist nicht mehr ganz klar. Die Verbindung zu Ägypten riss trotzdem nie ab. Sie reist so oft wie möglich dorthin, engagierte sich im deutsch-ägyptischen Wissenschaftsjahr, pflegt die Freundschaften aus der Schulzeit und lernte so ihren Mann kennen. Er ist ihr nach der Hochzeit nach München gefolgt, studiert nun an der TU. Wie es weitergeht? „Es gibt so viele Möglichkeiten“, sagt Aguib. Die Hirnforschung reizt sie nach wie vor, in ihrer Promotion ging es um Infektionen mit Prionen. Auch andere neurodegenerative Erkrankungen findet sie spannend. Genauso wie das Wissenschaftsmanagement. „Am liebsten würde ich beides machen“, sagt sie.

Vor allem aber lässt sie der Umbruch in Ägypten nicht los. Teilweise Tag und Nacht haben sie, ihr Mann und ihre Schwester jede Wendung der Revolution verfolgt. Wenn in Ägypten Funkstille herrschte, haben sie versucht, per Internet den Informationsfluss aufrecht zu erhalten und Demonstrationen in München organisiert. „Manchmal sind wir schockiert eingeschlafen und sehr früh aufgewacht“, erinnert sie sich. Nach Ägypten zu fliegen, um über die neue Verfassung abzustimmen, war Ehrensache – auch wenn dort mancher meint, die Auslandsägypter hätten keine Ahnung, was eigentlich passiert sei. „Es gibt überall Ägypter, die sich für Politik interessieren und solche, die das nicht tun“, entgegnet Aguib.

Sie empfindet es als Pflicht, ihrem Land etwas zurückzugeben, sei es über ehrenamtliche Initiativen in ihrer Freizeit, sei es über ihre Stelle an der Universität oder über eine Rückkehr. Im Moment wirkt sie daran mit, internationale Forschungskooperationen auf Augenhöhe zu schmieden, von denen beide Seiten gleichermaßen profitieren. Genauso gut kann sie sich vorstellen, dabei zu helfen, die wissenschaftliche Infrastruktur in Ägypten auszubauen: „Als gut ausgebildete Ägypter müssen wir das Land jetzt unterstützen“, sagt sie. „Sonst dürfen wir uns nicht über Wahlentscheidungen beschweren, die aus Armut oder Unwissenheit zustande kommen.“

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