• „Beim Abstieg fühlt man sich ausgeliefert“ Der Astronaut Reinhold Ewald über die Gefahr des Raumflugs

Welt : „Beim Abstieg fühlt man sich ausgeliefert“ Der Astronaut Reinhold Ewald über die Gefahr des Raumflugs

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Was haben Sie empfunden, als Sie von dem Absturz der Columbia hörten?

Ich habe mit zwei der jetzt verstorbenen Astronauten Hardware getestet. Mir hat das Unglück natürlich in Erinnerung gerufen, dass auch wir als Astronauten die Risiken, die mit der Raumfahrt verbunden sind, nicht immer richtig einschätzen können. Ich war auf einem Spaziergang und habe den Verlauf der Rückkehr leider nicht direkt verfolgt. Sehr viel mehr noch muss die Öffentlichkeit den Eindruck haben, das ist Routine, da brauchen wir nicht mehr hinzugucken.

Waren Sie sich damals beim Flug zur Raumstation Mir des Risikos wirklich bewusst?

Ich muss sagen, dass ich am Starttag selbst nicht mehr an das Risiko gedacht habe. Denn nachdem man sich so lange auf die Mission vorbereitet hat, muss dann an einem solchen Tag alles klappen. Und das möchte man auch, man möchte fliegen und all das, was man gelernt hat, an Bord ausführen. Der Flug war da nur noch Mittel zum Zweck. Und ich war überzeugt, dass ich heil zur Erde zurückkommen würde.

Nun sind erstmals amerikanische Astronauten bei der Rückkehr zur Erde verunglückt.

Bei den Russen gab es leider vorher schon solche Todesfälle.

Wie haben Sie damals den Wiedereintritt in die Atmosphäre erlebt?

Ich habe das in der SojusKapsel miterlebt und nicht im Shuttle. Aber der Vorgang ist ähnlich. Das Erste was man merkt, ist die ansteigende Bremsbeschleunigung. Die Wangen werden nach hinten gezogen, und obwohl wir dachten, wir wären schon geschnürt wie Pakete, haben wir die Gurte noch einmal viel enger schnallen können.

Und die Hitze?

Man sieht das Plasma beim Blick aus dem Fenster. Das ist ein bläuliches bis rosafarbenes Leuchten. Es lösen sich Flocken der Hitze-Isolierung. Es können sich auch richtige Flammen entwickeln. Das nimmt graduell zu.

Wie genau spielt man das vorher durch?

Welche Belastungen auftreten, wird der Besatzung vorher in der Zentrifuge gezeigt. Die optischen Phänomene sieht man da nicht.

Machen diese Flammen nicht Angst?

Wir haben auch diesbezüglich sorgfältig trainiert. Aber selbst bei besinnungsloser Besatzung sind Automatiksysteme an Bord, in die man Vertrauen hat. Das Gefühl war: Ich bin dem jetzt ausgeliefert, ich muss mich darauf verlassen.

Wie sicher ist das Shuttle-System im Vergleich zur Sojus-Kapsel?

Bei allen vorausgehenden Flügen ist es sicher gewesen, obwohl man natürlich um die Empfindlichkeit insbesondere des Hitzeschutzsystems wusste. Die Kacheln sind so konstruiert, dass sie auf wenigen Zentimetern einen riesigen Temperaturunterschied aushalten müssen: Draußen sind es mehr als 1500 Grad Celsius, drinnen herrscht Zimmertemperatur. Sie müssen aber auch leicht sein. Das ist nur durch eine hervorragende Technik und durch Kompromisse möglich.

Was könnte die Ursache der Explosion gewesen sein?

Ich denke, dass die Columbia beim Start absolut raumfahrttauglich war. Was dann passierte und zu der Katastrophe führte, wissen wir nicht.

Werden Sie demnächst zur Internationalen Raumstation fliegen?

Wir europäischen Astronauten halten uns für einen Einsatz auf der Internationalen Raumstation bereit. Aber solange wir nicht wissen, ob es ein systemischer Fehler war, der zu dem Unglück führte, kann niemand sagen, wie schnell der Ausbau der Raumstationen weitergehen wird.

Das Interview führte Thomas de Padova.

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