Welt : Beinahe-Kollision auf dem Flughafen Zürich

Rainer W. During

Eine Woche nach dem Absturz des Berlin-Fluges im Anflug auf die umstrittene Landebahn 28 des Zürcher Flughafens wäre es am Sonnabend beinahe zu einer weiteren Katastrophe eines Deutschland-Fluges der Crossair gekommen. In letzter Minute konnte der Pilot einer Saab 2000 seine Maschine über einen Airbus der TAP Air Portugal hinweg starten, der auf die Piste gerollt war. Die 20 Passagiere auf dem Weg nach München kamen mit dem Schrecken davon. Beim Absturz des "Jumbolino" aus Berlin waren 24 Menschen ums Leben gekommen. Am 10. Januar 2000 waren alle zehn Insassen getötet worden, als eine Saab 340B auf dem Flug nach Dresden kurz nach dem Start in Zürich zerschellte. Die Piste 28 muss wegen ihrer Lage von Maschinen, die eine andere Bahn nutzen, überquert werden.

Nach ersten Meldungen sollen die Fluglotsen im Zürcher Tower aufgefordert haben, zu warten. Das Büro für Flugunfalluntersuchungen (BFU) will am Montag entscheiden, ob ein formelles Ermittlungsverfahren eingeleitet wird.

Der Beinahe-Zusammenstoss ereignete sich wenige Stunden, nachdem das Bundesamt für Zivilluftfahrt die Bahn 28 für Landungen wieder freigegeben hatte. Zuvor hatten Messflüge nach der Katastrophe vor einer Woche die einwandfreie Funktion des Funkfeuers "Kloten" bestätigt. Es stellt die einzige Anflughilfe für die Piloten dar, da hier bisher kein Instrumentenlandesystem (ILS) installiert ist. Wie berichtet, hatte die Unglücksmaschine die vorgeschriebene Sicherheits-Mindesthöhe um rund 185 Meter unterschritten.

Wie am Wochenende bekannt wurde, hat der Landkreis Konstanz bei den Schweizer Behörde Beschwerde gegen das neue Betriebsreglement des Zürcher Flughafens eingelegt. Unter dem Druck der deutschen Bundesregierung hatten die Eidgenossen einen neuen Staatsvertrag unterzeichnet. Danach dürfen Flugzeuge seit dem 19. Oktober zwischen 22 und 6.08 Uhr bei der Landung nicht mehr die besser ausgestatteten Bahnen 14 und 16 benutzen, weil deren Anflug über den Schwarzwald führt. Damit wurde, wie sich jetzt herausstellte, das Fluglärmproblem auf deutscher Seite nur verschoben, denn jetzt donnern die Jets nächstens über die deutsche Bodenseeregion. Nach Ansicht des Kreises Konstanz liegen die luftfahrtrechtlichen Voraussetzungen für die neue Betriebsregelung, die nachts die Nutzung der obendrein kürzeren Bahn 28 vorsieht, nicht vor.

Bei der Beschwerde habe man aber auch auf das erhebliche Sicherheitsrisiko hingewiesen, sagte Landrat Hämmerle. Diese Sorge habe selbst die Flughafen-Betreibergesellschaft Unique noch im Juni geäußert. "Es ist besonders tragisch, dass diese Bedenken durch den Absturz untermauert worden sind", so Hämmerle. Seit der Freigabe gelten für Landungen auf der 28 erhöhte Grenzwerte. So muss die Mindestsicht 4000 statt 1500 Meter betragen, die Wolkenuntergrenze über 365 Meter liegen. Die Crossair hat für ihre Piloten noch einmal höhere Grenzen von fünf Kilometern Sicht und 500 Metern Wolkenhöhe festgelegt. Bisher betrifft die Umleitung nur rund ein Dutzend Flüge am Tag, bis zu 400 Maschinen donnern weiter in 700 Metern Höhe über die Schwarzwald-Kurorte, weil die Schweizer einen Überflug Zürichs ablehnen.

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