Beißattacke : Haie sollte man nicht füttern

An den Hai-Attacken in Scharm al Scheich ist offenbar jemand schuld, der die Tiere mit Nahrung an den Strand gelockt hat.

von

Der Tod einer deutschen Touristin in Scharm al Scheich am Roten Meer hat zu großer Verunsicherung unter Urlaubern geführt. Zehntausende machen derzeit an den ägyptischen Stränden Urlaub. Das 71-jährige Opfer war am Sonntag nur wenige Meter vom Strand entfernt von einem Hai angegriffen und getötet worden. „Da hat der Hai richtig zugebissen“, sagt der Präsident der Haischutzorganisation „Sharkproject“ in Offenbach, Gerhard Wegner, als er die Bilder der tödlich verunglückten Frau sah. Der Hai hatte dem Opfer einen Arm abgebissen und schwere Verletzungen am Rücken zugefügt, die Schwimmerin verblutete. Bereits letzte Woche waren drei Touristen aus Russland und der Ukraine bei der Attacke eines anderen Hais im gleichen Gebiet verletzt worden. Kommen die Haie also langsam auf den Geschmack von Menschenfleisch, das bei ihnen normalerweise gar nicht auf der Speisekarte oder im Beuteschema steht?

Gerhard Wegner kann sich das nicht vorstellen, sondern sieht eine ganz andere Ursache für die Häufung der Attacken. In beiden Fällen handelte es sich um Weißspitzenhochseehaie Carcharhinus longimanus. Wie es schon ihr Name vermuten lässt, sind diese Tiere keine Bewohner der Küstengewässer, in denen die Touristen attackiert wurden. Normalerweise schwimmt diese Art vielmehr in der Hochsee und hat kaum eine Chance, einen Menschen anzugreifen, der im Wasser schwimmt.

Anders als normalerweise aber treiben zurzeit Wind und Strömung das Plankton im Meer auf die Küste vor Scharm al Scheich zu. Von diesen winzigen Lebewesen ernähren sich viele Hochseefische, die daher ebenfalls Richtung Küste unterwegs sind. Die Fische wiederum sind die Leibspeise der Weißspitzenhochseehaie, die daher ebenfalls auf Scharm al Scheich zuschwimmen.

Schwimmer im Wasser aber würden diese Haie trotzdem nicht attackieren, weil sie gar nicht in ihr Beuteschema passen. Auf den Geschmack von Menschenfleisch dagegen könnten die Tiere gekommen sein, als ein Frachter mit einer Ladung Schafe an Bord an der Küste vor Scharm al Scheich etliche Kadaver verendeter Tiere über Bord kippte. „Dadurch aber werden die Haie neugierig“, erklärt Gerhard Wegner. Verstärkt wird diese Neugier noch von Schwimmern, die Speisen mit ins Wasser nehmen, um so Fische anzulocken. Damit wecken sie unter Umständen auch das Interesse eines Hais. Auch nach Ansicht eines anderen Experten steht vermutlich eine illegale Fütterung der Tiere hinter den Attacken. Der Zeitpunkt und der Ort der drei Angriffe innerhalb einer Woche deuteten darauf hin, dass die Haie daran gewöhnt waren, von einer Person gefüttert zu werden, die dann jedoch damit aufgehört habe, sagte Mohammed Salem von der Organisation zur Erhaltung des Süd-Sinai am Dienstag. Salem erklärte, eine illegale Fütterung sei „die wahrscheinlichste Erklärung“, dass die Haie auf diese Weise an den Strand gelockt wurden. Nachdem die Haie nicht weiter gefüttert worden seien, hätten sie sich eine andere Beute gesucht. Die Angriffe hätten alle am Nachmittag stattgefunden, was darauf hindeute, dass sie normalerweise zu dieser Tageszeit gefüttert wurden.

Obwohl die Menschen nicht in sein Beuteschema passen, testet der Hai dann, ob der Schwimmer oder Surfer als Beute taugt. Weil seine Geschmacksorgane vor allem im Gaumen sitzen, schließt er dazu einfach sein Maul um den Menschen oder um Arme und Beine, ohne zuzubeißen. Normalerweise lässt er die unbekannte Beute dann wieder los, weil ihm das Risiko zu groß ist. Vorher aber versucht wohl jeder Mensch, um dessen Arm oder Bein sich ein Haigebiss schließt, die Gliedmaße aus dem Rachen des Fisches zu reißen. Genau dabei aber verletzen sich die meisten Opfer an den messerscharfen Zähnen. Wird dabei, wie häufig, eine Arterie verletzt, verblutet der Betroffene, wenn er nicht rasch Hilfe bekommt. Gleichzeitig signalisieren die hektischen Bewegungen dem Hai, dass es sich doch um eine lohnende Beute handeln könnte. Dann beißt er vielleicht auch wie bei der deutschen Touristin richtig zu. Allzu häufig aber passiert das nicht. Auf der ganzen Welt gibt es jährlich nur 63 Hai-Attacken auf Menschen.

1 Kommentar

Neuester Kommentar