Welt : Belgier machen keine Pause mehr

THOMAS ROSER

BRÜSSEL . Statt Leergut stapeln sich vor Belgiens Supermärkten volle Flaschen auf den für den Abstransport bestimmten Paletten. Die Lebensmittelhändler des Königreichs leidgeprüft. Erst zwang sie der Skandal um dioxinverseuchtes Tierfutter, Eier, Fleisch und Molkereiprodukte aus den Regalen zu räumen. Nun haben mysteriöse Vergiftungserscheinungen bei Schülern die Regierung zu einem Verkaufsverbot für alle Coca-Cola-Produkte veranlaßt.

"Wir kommen in Belgien scheinbar nicht mehr zur Ruhe," seufzte gestern ein sorgengeplagter Einzelhändler in Brüssel: "Was ist hier bloß los?"

Nur allzu gerne würden auch seine Landsleute wissen, was genau die Ursache für den neuen Lebensmittelskandal ist, der das sorgengeplagte Königreich erschüttert. Vergangene Woche waren im flämischen Bornem erstmals 30 Schülerinnen und Schüler mit Bauchkrämpfen, starkem Herzklopfen, Schwindelgefühlen und Kopfschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert worden: Alle hatten sie Coca-Cola aus dem Getränkeautomat ihrer Schule getrunken.

Der Getränkekonzern ließ daraufhin in Belgien vorsorglich 2,5 Millionen Flaschen aus dem Handel nehmen. Doch als beim Gift-Zentrum in Brüssel in den Folgetagen auch aus anderen Gemeinden mehr als 250 Meldungen über Vergiftungserscheinungen eingegangen waren, zog Gesundheitsminister Van den Bosche zu Wochenbeginn die Notbremse, erließ ein Verkaufsverbot für alle Coca-Cola-Produkte wie Fanta oder Sprite: "Die Volksgesundheit geht vor. Wir dürfen keinerlei Risiko eingehen."

Von dem Verbot sind die Getränke Coca-Cola, Coca-Cola-Light, Cherry-Coke, Fanta, Sprite, Sprite Light, Nestea Splash, Nestea, Aquarius, BonAcqua, Kinley Tonic, BL und Lift betroffen, die in Glas- und Plastikflaschen sowie in Dosen im Handel sind.

Am Dienstag ordnete auch Luxemburg ein Verkaufsverbot für alle Cola-Produkte an. Im Nachbarland Belgien tappen die Gesundheitsbehörden bei der Frage, was genau die Vergiftungssymptome verursacht hat, noch immer im Dunkeln. "Coca-Cola kann uns noch stets nicht sagen, was die Beschwerden ausgelöst hat und welche Produkte betroffen sind," erklärte Marian Leicher, die Sprecherin des Gesundheitsministeriums in Brüssel dem Tagesspiegel.

Die mysteriösen Erkrankungen haben die Belgier erheblich verunsichert. Die telefonischen Informationsdienste des Gesundheitsministeriums waren am Dienstag ständig besetzt. Die meisten Opfer konnten schon nach wenigen Stunden die Krankenhäuser wieder verlassen. Das Giftzentrum in Brüssel berichtete jedoch auch von Fällen schwerer Vergiftungen.

Die Erkrankten hatten aus Dosen und Flaschen getrunken, die in verschiedenen belgischen Niederlassungen des Coca-Cola-Konzerns abgefüllt wurden. Laboruntersuchungen zufolge wurden bei einigen der unter Übelkeit klagenden Kindern eine erhöhte Zahl sogenannter "Hemoglobine" festgestellt, die rote Blutkörper zerstören. "Ein Zusammenhang mit dem Genuß von Cola-Getränken ist allerdings noch nicht bewiesen," warnt Nathalie Segers vom Gift-Zentrum vor voreiligen Schlüssen. Auch Coca-Cola konnte bisher noch keine schlüssige Antwort darauf geben, ob für die Erkrankungen eine Verunreinigung der Zutaten, Probleme bei der Abfüllung, die Verpackung oder gar Sabotage Ursache sind.

Coca-Cola-Getränke auch in Deutschland überprüft

Firma: Keine Gefahr / Bericht über Importe belgischer Abfüllungen

Frankfurt/Berlin ( Tsp). Nach dem Verkaufsverbot für Coca-Cola-Produkte in Belgien werden auch in Deutschland die Getränke Coca-Cola, Fanta und Sprite auf Gift untersucht. Unter anderen ordnete die hessische Sozialministerin Marlies Mosiek-Urbahn am Dienstag Stichproben der Lebensmittelüberwachung an. Die deutsche Unternehmenszentrale von Coca-Cola in Essen erklärte, die Verbraucher in Deutschland könnten absolut sicher sein, daß die hier produzierte und abgefüllte Ware nicht betroffen sei. Ihr Sprecher Gert Bommersheim sagte, daß keine Produkte aus Belgien in Deutschland verkauft würden.

Auf allen in Deutschland produzierten Dosen werde als Abfüller die Coca-Cola GmbH, Essen, genannt. Bei in Flaschen abgefüllten Produkten sei der deutsche Abfüller auf den Kronkorken und Schraubverschlüssen angegeben. Für die Verbraucher in Deutschland bestünden durch den Genuß von Coca-Cola-Produkten keinerlei Bedenken.

Dagegen will der Südwestrundfunk erfahren haben, daß belgische Cola auch in Deutschland verkauft worden ist. Ein Getränkegroßhändler aus der Eifel habe vor allem 0,2-Liter-Flaschen wegen des günstigeren Preises importiert und hauptsächlich auf Festveranstaltungen verkauft. Außerdem berichtete der SWR in Mainz, die Abfüllanlage in Kaiserslautern habe ihre Rohstoffe vom selben französischen Lieferanten bezogen wie die belgischen Abfüller.

Die Sprecherin des Bonner Gesundheitsministeriums, Monika Völker-Albert, sagte, die Bundesregierung habe sich in dieser Sache an die EU-Kommission gewandt. Betroffen sei bislang nur belgische Ware.

Die Berliner Gesundheitsverwaltung teilte gestern mit, daß bislang keine Vergiftungsfälle in der Stadt bekanntgeworden sind.

Die hessische Ministerin Mosiek-Urbahn erklärte: "Angesichts der Vorfälle in Belgien, wo nach dem Genuß dieser Getränke mehrere Personen über Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen geklagt haben und ärztlich behandelt werden mußten, gehen wir im Sinne eines vorbeugenden Verbraucherschutzes auf Nummer Sicher."

Untersucht würden die Getränke in allen auf dem Markt vorhandenen Formen, "sei es verpackt in Flaschen aus Kunststoff und Glas oder in Dosen", berichtete die CDU-Politikerin. Es sei fraglich, ob Getränke aus den in Belgien aus dem Verkehr genommenen Abfüllchargen überhaupt nach Deutschland gekommen seien. Betroffen seien Metalldosen von Coca-Cola, Coca-Cola light, Fanta und Sprite mit den Buchstaben DU, DV oder DW und dem Buchstaben D in anderen Kombinationen, Glasflaschen von 0,2 Liter Inhalt mit Coca-Cola, Coca-Cola light und Fanta mit dem Buchstaben G (für den Abfüllort Gent) und W (für Wilrijk).

Auch in Baden-Württemberg ist nach Angaben des Landwirtschaftsministerium die Lebensmittelüberwachung angewiesen, einen Blick auf Cola aus Belgien zu werfen. "Wir behalten das im Auge", sagte ein Sprecher.

"Mach mal Pause mit Coca-Cola"

Der Apotheker John S. Pemberton in Atlanta (US-Bundesstaat Georgia) entwickelte Coca-Cola 1886 eigentlich als Mittel gegen Kopfschmerzen und Müdigkeit. Die genaue Rezeptur der weltweit verbreiteten Brause ist bis heute ein strenggehütetes Geheimnis. Das Unternehmen ist der größte Erfrischungsgetränkehersteller der Welt. Sein Werbespruch "Mach mal Pause mit Coca-Cola" gilt als einer der erfolgreichsten, die es je gegeben hat. Nach Angaben des US-Autors Mark Pendergrast, der das Orginalrezept im Archiv der Firma gefunden haben will, bestehen rund zehn Liter Coca-Cola unter anderem aus geringen Mengen Koffein, Vanille- und Kakaoextrakt, Limonensaft, Zitronensäure sowie Wasser und 14 Kilo Zucker. Die Firmenleitung dementierte. Coca-Cola wird weltweit von Konzessionsunternehmen hergestellt. Im vergangenen Jahr wurden durch die Coca-Cola Organisation in Deutschland knapp 3,9 Milliarden Liter an Erfrischungsgetränken, Wasser und Säften abgesetzt. Hauptprodukte sind Coca-Cola, Fanta, Sprite, Mezzo Mix und Bonaqa. Coca-Cola verfügt in Deutschland bei alkoholfreien Getränken über einen Marktanteil von 19,8 Prozent. Tsp

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