Bergleute in Chile : Vor der Ankunft im zweiten Leben

Bald beginnt in Chile die Bergung der verschütteten Bergleute – ein Psychologe hilft den Eingeschlossenen und ihren Angehörigen.

von
Vorfreude. Die eingeschlossenen Kumpel fiebern ihrer Rettung entgegen – sie könnte unmittelbar bevorstehen.
Vorfreude. Die eingeschlossenen Kumpel fiebern ihrer Rettung entgegen – sie könnte unmittelbar bevorstehen.Foto: dpa

Darwin Contreras möchte seit drei Tagen manchmal laut schreien vor Glück. Seitdem weiß er, dass er seinen Bruder Pedro schon an diesem Wochenende wiedersehen könnte. Seit 63 Tagen wartet er jetzt auf ihn, vor der Mine San José im Norden von Chile, in der Pedro und die 32 anderen Minenarbeiter eingeschlossen sind. Der chilenische Bergbauminister Laurence Golborne verkündete am Dienstag, an diesem Wochenende könnte die Bergung beginnen. Doch wenn die Euphorie in Darwin Contreras hochsteigt, ermahnt er sich: Es ist erst vollbracht, wenn der Bruder vor ihm steht.

Seit ein paar Wochen schon ging an der Mine das Gerücht um, Mitte Oktober könnte es so weit sein. Einer der drei Bohrer kam schneller voran als erwartet. Jetzt ist er nur noch wenige Meter von einem Arbeitsraum in 630 Meter Tiefe entfernt, zu dem die 33 Bergarbeiter Zugang haben. Es heißt, schon am Samstag könnte er angelangt sein, am Sonntag könnte der erste Kumpel nach oben geholt werden, vielleicht auch schon früher. Ursprünglich hatten die Techniker erklärt, der Schacht müsse vor der Rettung ausgekleidet werden. Das würde weitere sieben Tage dauern. Jetzt sagen sie, das sei vielleicht nicht notwendig, die Bergleute könnten sofort in den eigens angefertigten Rettungskapseln nach oben gebracht werden. Dann könnte Darwin Contreras seinen Bruder schon bald in die Arme schließen.

Auch Pedro Contreras weiß, dass das Eingeschlossensein in Kürze ein Ende haben könnte. Seit Tagen schon bereitet der Psychologe Alberto Iturra die Bergleute per Videokonferenz auf die Rettung vor. Er riet ihnen, den Schutzraum aufzuräumen. „Sie sollten die Erinnerungen, die sie mit nach oben bringen möchten, zur Seite legen“, sagte der Psychologe der Nachrichtenagentur AFP. Er versucht auch die Euphorie der Bergleute zu dämpfen. „Es wird für sie oft schwierig sein, die Distanz zu ihrer Familie zu überwinden“, sagte Iturra der spanischen Zeitung El País. „Die Männer haben sich während der Zeit unter Tage sehr verändert.“

Iturra hat auch Darwin Contreras und den anderen Familienangehörigen gesagt, dass die 33 nicht mehr dieselben Männer sein werden, die am 5. August zur Arbeit in der Mine gefahren sind. „Mein Bruder hat sich bestimmt nicht verändert“, sagt Contreras. Am liebsten denkt er darüber nach, wie er die ersten Tage mit seinem Bruder verbringen wird. Er will zuerst mit ihm durch die Kneipen von Copiapó ziehen und dann an den Strand fahren. „Das Wichtigste ist, dass er bei uns ist. Alles andere wird sich schon ergeben“, sagt Darwin Contreras.

Mit allem anderen meint er auch die Schadenersatzklage, die die Familien von 27 Minenarbeitern einreichen wollen. Sie fordern vom Staat und von der Betreiberfirma der Mine insgesamt zwölf Millionen Dollar. Das Geld soll die Arbeiter und deren Familien absichern, wenn sie nach der Rettung nicht mehr in der geschlossenen Mine arbeiten können. Darwin Contreras hat sich der Klage noch nicht angeschlossen. Er will jetzt nur daran denken, dass sein Bruder bald wieder bei ihm ist.

Doch wenn es so weit ist, wird Darwin Contreras ihn erst einmal nur kurz sehen dürfen. Pedro wird eine Schutzbrille tragen, damit das helle Tageslicht nach den Wochen der Finsternis seine Augen nicht angreift. Nach einer kurzen Begrüßung wird er wie die anderen auch zwei Tage im Krankenhaus in Copiapó untersucht werden. Und danach werden da auch noch die Journalisten sein. Jeden Tag kommen gerade weitere Pressevertreter an der Mine San José an, am Wochenende sollen es etwa 2000 sein. Sie kommen aus der ganzen Welt. Iturra bereitet die Bergarbeiter auch auf den Ansturm der Journalisten vor. Er erklärt ihnen, dass sie nicht jede Frage beantworten, dass sie nicht mit jedem reden müssen.

Auch der leitende Arzt Jorge Díaz trifft gerade die letzten Vorbereitungen für die Bergung. Er bringt den Männern einfache Muskelübungen bei, die die Durchblutung anregen, damit sie die Zeit, die sie in der Rettungskapsel verbringen werden, gut überstehen. Und er hat eine Reihenfolge für die Rettung festgelegt, die Chaos verhindern soll. Zuerst werden die geschicktesten Bergarbeiter nach oben kommen, die damit umgehen können, wenn etwas schiefgeht. Danach sollen die Alten und Schwachen ans Tageslicht gebracht werden, am Schluss die Stärksten. Ein Helfer, der zu Beginn der Rettungsarbeiten in die Tiefe hinabgelassen wird, soll die Bergarbeiter nach ihrem Zustand in Gruppen einteilen.

Insgesamt werden die Rettungsarbeiten knapp zwei Tage dauern. Die Techniker rechnen mit eineinhalb Stunden pro Mann. Die Kapsel wird voraussichtlich zwar weniger als eine halbe Stunde bis zur Erdoberfläche brauchen, doch das Ein- und Aussteigen kann insgesamt noch eine Stunde dauern.

Immer mehr Angehörige der Bergarbeiter kommen jetzt zur Mine. Tanten, Onkel, Cousins und Großeltern reisen an, um dabei zu sein, wenn die Bergleute wiederkehren. Auch die Eltern von Darwin Contreras sind auf dem Weg. Weil sie schon alt sind, haben sie die Tage nicht wie ihr Sohn Darwin an der Mine verbracht. Doch jetzt wollen sie auch da sein, um den Moment des Wiedersehens gemeinsam zu feiern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar