Bergwerksunglück : Rettungsbohrung erreicht Kumpel in Chile

In Chile ist der Bohrer bis zu den eingeschlossenen Bergleuten vorgedrungen – Angehörige jubeln, andere feiern eine bizarre Party.

Angela Reyes
Der Rettungsbohrer hat die eingeschlossenen Minenarbeiter erreicht.
Der Rettungsbohrer hat die eingeschlossenen Minenarbeiter erreicht.Foto: dpa

Maria Cortes muss mit den Tränen kämpfen: „Wir haben so lange auf diese Nachricht gewartet. Jetzt bin ich sicher, dass Mario bald wieder bei uns ist“, sagt die resolute Schwägerin des eingeschlossenen Bergmanns Mario Gomez. Seit am Samstagmorgen um 8.01 Uhr Ortszeit lautes Sirenengeheul das Lager „Esperanza“ aufrüttelte, wo die Familienangehörigen der eingeschlossenen Bergarbeiter in der chilenischen Gold- und Kupfermine San José seit Wochen warten, sind sich alle sicher: „Wir sehen unsere Männer bald wieder.“ Die Sirene kündigte den herbeigesehnten Durchbruch einer der drei Rettungsbohrungen an. In 624 Metern Tiefe erreichte der Bohrkopf das Rückzugsrefugium der Bergleute.

Experten der Firma Geotec haben den Wettlauf der drei Rettungsbohrungen gewonnen, nun feiern sie ausgelassen mit „Chile, Chile“-Sprechchören. Der Sekt fließt, die Männer liegen sich in den Armen. Einige tanzen sogar. Auch Roxana Gomez hofft, ihren Vater Mario bald wieder in die Arme zu schließen: „Wir können nur allen danken, die geholfen haben, dass die Bohrungen endlich ihr Ziel erreicht haben.“ Spontan läuteten die Menschen in der Mine die Glocken, in einer kleinen Behelfskapelle im Zeltlager beten die Angehörigen. Fast alle schwenken chilenische Flaggen, die zu Hunderten im Lager aufgestellt sind. „Es sind für uns alle sehr bewegende Momente“, sagt Roxana Gomez mit Tränen in den Augen. „Jeder weiß, was das bedeutet.“ Innerhalb der nächsten drei bis acht Tage soll die eigentliche Bergung über die Bühne gehen. Noch ist nicht entschieden, ob Stahlrohre den Schacht von innen verstärken und so die Rettungskapseln vor herabfallendem Gestein schützen. Mann für Mann sollen die Bergleute in den Kapseln nach oben gezogen werden.

Bergwerksunglück in Chile
Als letzten der 33 verschütteten chilenischen Bergleute empfing Präsident Sebastian Pinera den Vorarbeiter Luis Urzua. Er wurde um kurz vor drei MESZ, 27 Stunden nach der Rettung des ersten Bergarbeiters, befreit.Weitere Bilder anzeigen
1 von 67Foto: dpa
14.10.2010 08:26Als letzten der 33 verschütteten chilenischen Bergleute empfing Präsident Sebastian Pinera den Vorarbeiter Luis Urzua. Er wurde um...

Das Lager „Esperanza“ ist seit Tagen eine wildwuchernde Mischung aus Woodstock und Camperidylle. Aus bis zu zehn Meter langen Wohnmobilen dringt Rockmusik in die Nacht, der ganze Wagen schaukelt, während Journalisten der spanischen Nachrichtenagentur Efe offenbar eine rauschende Party feiern. Direkt daneben macht ein völlig erschöpfter Fotograf Feierabend: „Ich hau mich hin“, sagt Marcelo, der das Brummen Dutzender kleiner Stromgeneratoren offenbar gar nicht mehr wahrnimmt. Benzindunst mischt sich mit Nebelschwaden, die über die felsigen Hügel herabkriechen. Es ist bitterkalt. Chemieklos für umgerechnet zehn Euro Miete am Tag verbreiten einen ganz speziellen Duft. Im Casino, einem Zelt wie für einen Feuerwehrball in Deutschland, sitzen Angehörige, Journalisten und Polizisten an wackeligen Tischen. Vor ihnen stehen dampfende Styroporbecher mit Pulverkaffee. Sie starren auf den Fernseher, der wieder und wieder die Stationen des längsten je aufgezeichneten Grubendramas wiederholt. Der Flachbildschirm ist Teil eines Altars mit 17 Heiligenfiguren aus Gips und vielen Bildchen mit biblischen Motiven, signierten Bergarbeiterhelmen, Briefen mit ermutigenden Zeilen. Die mehr als einen Meter hohe Figur des Heiligen San Lorenzo, des Schutzheiligen der Bergarbeiter, trägt einen roten Plastikhelm auf dem Kopf und hält eine Grubenlampe in der rechten und ein Kruzifix in der linken Hand.

Der Zugang zu den Bohrarbeiten selbst ist den meisten Bewohnern des Lagers verboten. Eine rot-weiße Schranke mit einem Schild „Weiterfahrt verboten“ markiert die Grenze. „Hier ist noch kein Journalist durchgekommen, auch von hinten nicht“, versichert ein Wachmann. Aber bis unmittelbar an den „Sperrbezirk“ drängen sich dicht an dicht die Wohnwagen und Zelte. Die Fernsehsender haben sich aus Bauholz bis zu zehn Meter hohe Beobachtungsplattformen gezimmert, auf denen selbst weit nach Mitternacht dick vermummte Kameraleute an ihren Stativen schrauben und den Nebel filmen. (mit dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben