Welt : Berlin bietet Einsatz der GSG 9 an

Neue Lebenszeichen aus der Sahara – Schröder entsendet Chef des Krisenstabes in geheimer Mission nach Algier

Ralph Schulze[Algier]

Im Entführungsfall der 31 europäischen Urlauber sind offenbar im Süden Algeriens neue Lebenszeichen von den Verschwundenen aufgetaucht. Der algerische Innenminister Nouredine Yazid Zerhouni sagte: „Wir haben Hinweise gefunden, die darauf hindeuten, dass die Touristen leben." Zu unbestätigten Informationen, wonach auch das Versteck der Geiselnehmer und ihrer Opfer, darunter 15 Deutsche, zehn Österreicher und vier Schweizer, aufgespürt und vom Militär umzingelt wurde, äußerte sich Zerhouni nicht. Er erklärte nur , ohne Einzelheiten zu erwähnen: „Die Chancen stehen gut, dass wir sie finden." Der Minister, der erstmals zu dem Verbrechen Stellung bezog, bezeichnete das Verschwinden der Urlauber als „brisante Angelegenheit".

Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte gegenüber Algeriens Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika darauf gedrängt, das Leben der Entführten nicht mit einer Militäroperation zu gefährden. Schröder sandte den Chef des deutschen Krisenstabes, Staatssekretär Jürgen Chrobog, in geheimer Mission nach Algier, um mit Bouteflika, dem algerischen Innenminister Zerhouni und Außenminister Abdelaziz Belkhadem das weitere Vorgehen im Geiseldrama zu besprechen. In dem Krisengespräch in der Hauptstadt Algier bat die deutsche Spitzendelegation um eine stärkere Beteiligung westlicher Spezialisten bei der Lösung des Falles. Angehörige der Entführten baten derweil in einem Brief an die Bundesregierung, eine Befreiung mit „friedlichen Verhandlungen" zu versuchen.

Wie der Tagesspiegel inoffiziell aus Regierungskreisen erfuhr, bot die Bundesregierung für den Fall eines unumgänglichen Befreiungsschlages den Einsatz der Anti-Terror-Einheit „GSG9" an. Die deutsche Eliteeinheit, die auf Geiselbefreiungen spezialisiert ist, könne, so heißt es, zusammen mit algerischen Einheiten zum Zuge kommen. Diese Möglichkeit will man im Kanzleramt in Berlin aber erst in Betracht ziehen, wenn Gespräche mit den Geiselnehmern zu keinem Ergebnis führen. Zuletzt hatte die Bundesregierung einen ausländischen „GSG9"-Einsatz vor zwei Jahren erwogen, als in der ägyptischen Tempelstadt Luxor vier deutsche Urlauber entführt worden waren. Inoffiziellen Angaben zufolge bereitet sich die „GSG9", die in Sankt Augustin bei Köln stationiert ist, schon länger auf einen eventuellen Algerien-Einsatz vor. Die Bundesregierung bestätigte am Wochenende lediglich, dass Schröder mit Bouteflika in Kontakt stehe.

Zu Einzelheiten, etwa einem möglichen Einsatz der „GSG9" oder dem seitens Algeriens verkündeten neuen Lebenszeichen, wollte das Auswärtige Amt offiziell keine Stellungnahme abgeben. Algeriens Innenminister Zerhouni hatte mitgeteilt, dass am 28. April, also vergangenen Montag, von den Suchmannschaften in Südalgerien Spuren gefunden worden seien. Dabei handele es sich „um von den Touristen geschriebene Nachrichten" und um „Kleidungsstücke", die in der Umgebung der berühmten „Gräberpiste" östlich der Oasenstadt Illizi, etwa dort, wo mehrere Touristengruppen verschwunden waren, aufgetaucht seien. Zu den Hintergründen der Entführung äußerte sich Zerhouni nicht. Die Sicherheitsbehörden „schließen keine Annahme aus", sagte er, auch nicht, dass die Urlauber von der algerisch-arabischen Terrorgruppe GSPC gekidnappt worden sind. Die im Süden Algeriens von dem berüchtigten „Emir" Mokhtar Belmokhtar kommandierte Terror- und Schmuggelbande mit Verbindungen zu Osama bin Ladens Al Qaida wird am meisten verdächtigt.

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