Welt : Berliner Currywurst, bitte

Charité untersuchte die Kosmonauten vor dem Start

Andreas Maisch

Das sind doch Oleg und Fjodor! Als Professor Dieter Felsenberg gestern den Tagesspiegel aufschlug, sah er auf dieser Seite zwei Männer in blauen Anzügen, die sich erschrocken ihre Kopfhörer festhielten. Der Purzelbaum ihres Weltraumtouristen neben ihnen in der internationalen Raumstation ISS hatte sie erschreckt.

Und plötzlich waren auch die Bilder in seinem Kopf wieder da. Oleg und Fjodor ohne blaue Anzüge. Wie sie sich wie zwei kleine Kinder über die Currywürste am Potsdamer Platz freuten.

Es war Anfang Februar, als die Europäische Weltraumbehörde Esa bei Dieter Felsenberg anrief. Der Professor arbeitet am Zentrum für Muskel- und Knochenforschung der Charité. Dreidimensionale Computertomografie war der Grund des Anrufs. Damit wird jede Faser und Kerbe eines Knochens sichtbar. Von den Geräten gibt es in Europa nur fünf. In der Charite steht eins, von Moskau aus ist es das nächste. Deswegen sollten Fjodor Jurchikhin und Oleg Kotow nach Berlin kommen. Denn die Esa möchte möglichst von allen Kosmonauten solche Aufnahmen. Einmal vor dem All und einmal danach. Und das davor war nur noch kurz. In sechs Wochen sollte der Flug ins All sein. Freitagmorgen holte Dieter Felsenberg die beiden Kosmonauten vom Flughafen Tempelhof ab. „Sie machten auf mich einen sehr bodenständigen Eindruck“, erinnert er sich. Interessierte, freundliche, fast ein bisschen schüchtern wirkende Männer. Nur Oleg habe man die Anspannung ein wenig angemerkt: der bevorstehende Ausflug ins All sollte sein erster sein. Felsenberg fuhr die beiden Gäste zu einem Hotel in Steglitz. Sie wollten möglichst nahe am Klinikum der Charité wohnen. Gegen Abend holte er die beiden zum Pizzaessen ab. Pizza? Fjodor und Oleg waren von der Idee nicht begeistert. Sie wollten deutsche Küche und gingen ins Dahlemer Restaurant „Luise“.

Fjodor und Oleg haben die ganze Welt bereist. Und irgendwo zwischen Houston und Moskau scheinen sie gespürt zu haben: Wir lieben Würstchen! „Sie waren ganz heiß darauf, doch leider gab es keine“, sagte Felsenberg. Aber auch bei Gulasch und Steak entwickelte sich ein angenehmes Gespräch. Es drehte sich um die anstehende Untersuchung, die beiden wollten alles ganz genau wissen.

Am Samstag ging es um zehn Uhr in der Charité los. Unterarm und Unterschenkel wurden vermessen. „Sie waren ein wenig zappelig“, erinnert sich Knochenexperte Felsenberg. Vielleicht auch deshalb dauerte es fast sechs Stunden. Um halb vier waren die Aufnahmen dann im Kasten. Und Berlin lag vor ihnen.

Brandenburger Tor, Reichstag, Siegessäule – die Kosmonauten staunten und hielten mit ihren kleinen Digitalkameras alles fest. „Sie spielten damit, wie zwei Künstler“, erzählt Felsenberg. Dann wollten die beiden einkaufen gehen. Felsenberg führte sie in die Friedrichstraße. Dort fühlten sich die Kosmonauten nicht sehr wohl, alles sei viel zu elegant. In der Wilmersdorfer Straße war es bodenständiger. Und am Potsdamer Platz war es dann so weit: endlich Würstchen! „Die beiden waren selig“, erzählt Felsenberg.

Am Abend gab es wieder deutsche Küche. Fjodor und Oleg plauderten mit den Charité-Mitarbeitern im Restaurant „Sachs“. Sie erzählten von der Erde. Von ihrem Leben im Kosmonautenstädtchen Star City 80 Kilometer nördlich von Moskau. Und vom All. Oleg von seiner Vorfreude. Fjodor vom fantastischen Blick, aber auch von der Enge und Einsamkeit dort oben. Am vergangenen Samstag sind sie nun in der Raumstation ISS angekommen, sie bleiben dort sechs Monate. Von Berliner Currywurst können sie dort nur träumen.

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