Berliner Forschung : Bäumchen, rüttel dich

Zwei Berliner Forscher wollen Weihnachtssterne mit Vibrationen daran hindern, mehrere Meter in die Höhe zu wachsen. Dafür schütteln sie die Pflanzen auf Vibrationstischen durch, so dass sie sich regelrecht in ihren Töpfen ducken.

von
Vibrierende Weihnachtssterne. Diana Helbig und Heiner Grüneberg von der Humboldt-Universität halten das Wachstum der Pflanzen auf.
Vibrierende Weihnachtssterne. Diana Helbig und Heiner Grüneberg von der Humboldt-Universität halten das Wachstum der Pflanzen auf.Foto: Heike Zappe/HU

In freier Wildbahn machen Weihnachtssterne nicht besonders viel her: ein besenstieldicker Stamm und drei oder vier lange mäandernde Äste, die sich bis zu vier Meter in die Höhe winden, und irgendwo ganz oben sitzen dann die charakteristischen bunten Blätter. Die Weihnachtssterne, die auf deutschen Fenstersimsen stehen, sind dagegen kompakter gewachsen. Damit Euphorbia pulcherrima – „die schönste der Euphorbien“ – nicht durch die Decke wächst, werden bei der Weihnachtssternzucht chemische Wachstumshemmer eingesetzt. Doch zwei Forscher der Humboldt-Universität in Berlin sind nun einer nicht chemischen Wachstumsbremse auf der Spur. Heiner Grüneberg und Diana Helbig lassen die Weihnachtssterne rütteln und schütteln. Nach sechs bis acht Wochen sind die Pflanzen ausgebildet und wachsen nicht mehr in die Höhe, sondern eher in die Breite. Sie ducken sich geradezu in ihren Töpfen.

Weihnachtssterne gehören zu den Wolfsmilchgewächsen, deren Blätter auch ohne Chemieeinsatz schon giftig sind. Vor allem Kinder sollten die Blätter besser nicht in den Mund nehmen.

Der als Wachstumshemmer eingesetzte Wirkstoff Chlormequat-Chlorid, den unter anderen auch die deutschen Agrarchemieriesen BASF und Bayer produzieren, ist in Deutschland schon seit 1966 auf dem Markt. Er wird über die Blätter von der Pflanze aufgenommen und verändert den Hormonhaushalt der Weihnachtssterne so, dass sie nicht mehr in die Höhe schießen. Auf der Liste hochgiftiger agrarchemischer Substanzen des Pestizid-Aktions-Netzwerks (PAN) ist der Stoff nicht vermerkt. Und auch Steffen Matezki, der im Umweltbundesamt (UBA) in der Abteilung Pestizide arbeitet, schätzt den Stoff nicht als besonders „auffällig“ in seiner Wirkung auf die Umwelt ein. 2009 ist die Chemikalie von der Europäischen Union zugelassen worden. Bei sachgerechter Anwendung sehen die Experten den Wirkstoff nicht als „Hochrisikostoff“.

Forscher erproben chemiefreie Wachstumsbremse

Trotzdem lobt Steffen Matezki die Berliner Forschungen. Das passe zur „Minimierungsstrategie“ der Europäischen Union beim Einsatz von Pestiziden. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) fördert die Suche nach nicht chemischen Alternativen im Rahmen eines Forschungsprogramms zum Ökolandbau. Das Verfahren soll nach Auskunft der BLE demnächst auch für die Aufzucht von Petunien und Chrysanthemen erprobt werden. 286 370 Euro gibt die BLE dafür aus, den "Zierpflanzenbau ökologischer zu machen", wie BLE-Sprecher Tassilo von Leoprechting sagt. Es geht dabei nicht nur um Chlormequat-Chlorid sondern auch um den Verzicht auf weitere chemisch-synthetische Wachstumshemmstoffe. Die BLE nennt als Beispiele auch die Wirkstoffe Metconazol und Prohexadion.

Ende der 90er Jahre sind in Deutschland zwischen 38 und 40 Millionen Weihnachtssterne verkauft worden. Zahlen darüber, ob immer noch so viele der Pflanzen in den Wohnzimmern stehen, die seit den 50er Jahren als Zierpflanzen zu haben sind, sind aktuell nicht verfügbar.

Dass die Forschung nach Alternativen zu chemischen Wachstumshemmern an der Berliner Humboldt-Universität stattfindet, ist nur folgerichtig. Denn es war der Forschungsreisende Alexander von Humboldt, der die Pflanze 1804 aus Mexiko mit nach Berlin brachte. Weihnachtssterne gedeihen am besten in tropischen Laubwäldern, Mexiko und Mittelamerika sind ihre Heimat, aber sie sind inzwischen in den gesamten Tropen zu finden. Der Botaniker Carl Ludwig Wildenow katalogisierte den Weihnachtsstern ein paar Jahre später ebenfalls in Berlin und gab ihm seinen wissenschaftlichen Namen. Und nun wollen Heiner Grüneberg und Diana Helbig aus der Grünpflanze, deren Blätter sich rot, weiß oder rosa färben, wenn sie nicht mehr als 12 Stunden Licht am Tag bekommen, eine Öko-Zierpflanze machen.

Im Gewächshaus der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der HU Berlin erproben die beiden Forscher eine chemiefreie Wachstumsbremse: Die Weihnachtssterne stehen auf Tischen, die mit einem Motor zwei Mal in der Stunde gerüttelt werden. „Wir geben den Pflanzen einen mechanischen Reiz und hemmen so ihr Wachstum“, sagt Grüneberg. Vorläufig wird es die Öko-Weihnachtssterne nicht zu kaufen geben. Zuerst wollen die Forscher wissen, wie oft, mit welcher Stärke und zu welcher Tageszeit das Rütteln am effektivsten ist.

Ist die Forschung der beiden Berliner erfolgreich, könnten die Rüttel-Weihnachtssterne in ein paar Jahren auf den Markt kommen. Ob sich aus ihren Forschungen auch Erkenntnisse ableiten lassen, wie der massenhafte Einsatz der Wachstumshemmer bei Getreide vermindert werden kann, ist schwer absehbar. Das Ziel sind kurze Halme, damit alle Energie der Pflanze ins Korn geht. Da ist es mit dem Rütteln der Samen wohl nicht getan. Das bestätigt auch die BLE, die sich den Einsatz der Vibrationstische auch nur im Zierpflanzenanbau vorstellen kann.

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben