Welt : Berliner Polizist kaufte in Enschede Millenniumsfeuerwerk

Tobias Arbinger

Ein pensionierter Polizeifeuerwerker des Berliner Landeskriminalamts hat gestern die laxen Sicherheitsvorkehrungen auf dem Unglücksgelände von Enschede beschrieben, das er Ende 1999 besichtigt hatte. Auf dem Hof der Firma ist seiner Einschätzung nach auch hochexplosives Großfeuerwerk in Stahlcontainern gelagert worden, sagte der ehemalige Polizeihauptkommissar Martin Volk gegenüber dem Tagesspiegel. "Wenn man dieses Material in einem Container lagert, ist das mit einer Minenbombe vergleichbar, die im Zweiten Weltkrieg über Berlin abgeworfen wurde". Volk zufolge lag der Hof nur wenige Meter von den nächsten Wohngebäuden entfernt. "Jegliches geordnete Lagergebäude fehlte". Er habe keine Bunker und keine Lager in "ausblasebauweise" gesehen, bei denen bei einer Explosion die Druckwelle entweichen kann.

Die heftige Explosion in Enschede deutet nach Auffassung Volks darauf hin, dass dort "Blitzknallbomben" in die Luft flogen. Bei großen Feuerwerken würden sie gerne zu Beginn oder zum Ende des Spektakels abgebrannt. Fachleuten zufolge enthalten Blitzknallbomben Kaliumperchlorat und Aluminiumschliff, sie haben eine massive Sprengwirkung. Zur Ursache des Unglücks sagte Volk gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, er gehe nicht davon aus, dass es - wie vermutet - zu einer ungewollten Reaktion von Wasser und Magnesium gekommen sei. Er gehe von einer unsachgemäßen Lagerung aus. In Deutschland sei bei solchen gefährlichen Stoffen ein Sicherheitsabstand von 1000 Metern vorgeschrieben. Volk sagte, dass die Kontrolle von Feuerwerkslagerplätzen in Holland dem Militär obliege. Seiner Meinung nach sehe es Pyrotechnik tendenziell als "Spielzeug" an.

Der 65-jährige hatte das Werk in Enschede besucht, um Profifeuerwerk für die Silvesterfeier am Berliner Schloßplatz zu kaufen. Er arbeitet als freiberuflicher Feuerwerker. In Enschede habe er Verkaufskataloge gesehen, zudem seien er und seine Kollegen über das Betriebsgelände geführt worden. Dabei habe er auch in "offene Container" schauen können.

Die verheerende Explosion in der Feuerwerksfabrik im niederländischen Enschede hat vermutlich weit mehr Menschen in den Tod gerissen als angenommen. Davon gingen die Behörden am Dienstag aus. Bis zu Nachmittag waren weiter erst 15 Leichen geborgenen worden. Die Suche nach Opfern dauert an.

Berliner Grüne fordern Auslagerung

Nach Ansicht der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus sollten Depots mit pyrotechnischem Material in Berlin nicht im Stadtgebiet liegen. Die Genehmigung für die drei Lager und Fabrikstätten müssten zurückgezogen werden, forderte die Fraktion am Dienstag. Unmittelbarer Handlungsbedarf bestehe bei dem Depot in Rudow im Bezirk Neukölln. Es befinde sich in der Nachbarschaft zu Wohngebieten und in einem Gewerbegebiet. Zu dem Depot der Polizei in Ruhleben im Bezirk Spandau gebe der Senat bisher nur halbe Wahrheiten preis. "Hier lagern nach zuverlässigen Informationen nicht nur 30 Tonnen Feuerwerk, sondern zusätzlich 25 Tonnen an militärischen Explosivstoffen wie Blindgänger von Bombenabwürfen und Infanterie-Munition in unbekannter Menge", kritisierte die Fraktion. Das Lager liege nur weniger Hundert Meter vom Wohngebiet Ruhleben und von der Waldbühne entfernt.

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