Welt : Berliner Republik: Es regiert die Lust am Moment

Heinz Bude

Nachdem mit der Eröffnung des neuen Bundeskanzleramts die Phase der Provisorien im Hauptstadtumzug einen gewissen Abschluss gefunden hat, wird klar: Bonn war Umwelt, Berlin ist Welt für die Politik.

Wo die kleine praktische Bürostadt am Rhein seinem Personal zur Diensten war, stellt das riesige Notgebilde der beiden Stadthälften eine Herausforderung für jeden einzelnen Politiker dar. Das macht für die öffentliche Darstellung von Politik einen entscheidenden Unterschied: Bonn war bereitwillige Bühne für die wechselnden Darsteller, Berlin ist ein Hintergrund, der seinen Figuren etwas abfordert.

Besonders für die Spitzen der deutschen Politik kommt es darauf an, wie sie sich auf die Stadt einstellen und darin ihren Ort finden oder ob sie an ihr scheitern und den Kontakt zum Berliner Stadtindividuum verlieren. In Berlin bekommt die "Wahlverwandtschaft" zwischen der Hauptstadt und ihren Hauptdarstellern den Charakter eines Glaubwürdigkeitstest für die Politik.

Mit einem unwahrscheinlichen, aber nicht unmöglichen Gedankenexperiment kann man sich diesen Zusammenhang vor Augen führen: Was wäre, wenn der Kanzler der Berliner Republik nicht Gerhard Schröder, sondern Edmund Stoiber hieße? Wie würde sein Berlin aussehen? Wie würde der sich auf der Berliner Bühne bewegen?

Was die biografische Ausgangssituation betrifft, bestehen zwischen dem wirklichen und dem Schattenkanzler bemerkenswerte Übereinstimmungen: Der 1941 geborene Stoiber wie der 1944 geborene Schröder sind Kriegskinder aus einer "Gerümpelgeneration" (Rolf Dieter Brinkmann), die aus kleinen Verhältnissen den Weg nach oben geschafft haben. Mit dem Unterschied, dass Schröder aus einer ländlichen Kleinstadt in Lippe-Westfalen, Stoiber aus einem stockkatholischen Dorf bei Rosenheim stammt.

Egal, wo die Leute herkamen, Berlin war immer schon ein Anziehungsort für energische, willensstarke und beutehungrige Typen, die ihre Herkunft hinter sich lassen und ihr Ding machen wollen. Da stehen sich der Sozial- und Christdemokrat in nichts nach. Beide sind Kinder der Bundesrepublik, die in der Berliner Republik die besten Traditionen der Nachkriegszeit fortsetzen und bestärken wollen. Man kann sich vorstellen, dass Stoiber genau wie Schröder Berlin als geheimem Zufluchtsort seiner Generation akzeptieren könnte, in dem die apokalyptische Erfahrung einer Kriegskindheit in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs versiegelt ist. Insofern könnte für den bundesrepublikanischen Emporkömmling Stoiber Berlin eine Stadt seiner Seele sein.

Aber ganz anders als Schröder, der Hannover ziemlich schnell vergessen gemacht hat, wäre Stoiber mit München belastet. Man kann sich in Deutschland keinen krasseren Gegensatz denken, als den zwischen der Stadt des Weißbiers und der Musik, wo man bis heute romantisch in unromantischer Zeit sein kann, und dem unfestlichen und gottlosen Berlin. Der Osten hat nach 1945 nur vollendet, was auch im Westen herrschende Tendenz war. Karl Scheffler hat bereits 1910 festgestellt, dass der kühle Berliner Protestantismus zu einem monumentalen Verstandesidealismus ebenso unfähig war wie zu einer tiefen Gefühlsreligion.

Die Bayern waren zwar die ersten, die mit ihrer Landesvertretung in Berlin Flagge zeigten, aber es ist etwas ganz anderes, ob man aus der föderalen Vielstimmigkeit heraussticht oder zum Statthalter des Ganzen wird. Berlin würde sich jedenfalls mit seiner ganzen Abstraktheit gegen die Duseleien eines Münchner Gefühls der Weltheiligkeit wehren. Schnell wären Thomas Kapielski gegen Doris Dörrie, Harald Juhnke gegen Rudolf Moshammer und Union Berlin gegen Bayern München in Stellung gebracht, und Stoiber müsste sich dann entweder gegen seine Bayrischen Ursprungs- oder gegen seine Berliner Ankunftsverpflichtungen wenden.

Vom Typ her ist Stoiber weder in bayrischer Bodenständigkeit gesichert noch gegen Berliner Rücksichtslosigkeit immun. Er taugt zum kalten Technokraten der Berliner Republik wie zum bundesrepublikanischen Vernunftföderalisten mit bayrischem Antlitz. Das Regionale und das Nationale ergänzen sich bei ihm nicht selbstverständlich, sondern drohen in eine unglückliche Alternative der Unentscheidbarkeit zu treten.

Schröder ist wie Berlin: voller Geschichte, aber ohne Tradition. Man weiß, dass seine Mutter Putzfrau und sein Vater Kirmesarbeiter war, man kennt die Geschichte seines vaterlosen Heranwachsens nach dem Krieg, man kann nachfühlen, wie der erblose Sohn Schritt für Schritt Herr über sein Schicksal geworden ist, aber man weiß nicht, worauf seine soziale Selbstgeburt hinauslaufen soll. Schröder passt nach Berlin, wo der Existenzwille nach wie vor den Kulturwillen dominiert. Seine populären Genussinstinkte (Currywurst), sein modischer Repräsentationstrieb (Schmetterlingshemdkragen) machen ihn zum Großstadtoptimisten, der Berlin so nimmt, wie es ist. Schröder erhebt sich nicht über die Stadt, sondern nimmt sie als seine Bühne. Als er zum ersten Mal vor Journalisten an seinem provisorischen Schreibtisch im Staatsratsgebäude sitzt und auf den eingerüsteten Bau des Palastes der Republik auf dem Schlossplatz blickt, fällt ihm ein, dass da noch das Schloss fehle. Das war keine wohl überlegte Intervention in eine schwierige Debatte, sondern eine hingeworfene Augenblicksäußerung, die der Lust am Moment entsprang.

Das kann und will Stoiber nicht überbieten. Als Konservativer müsste er den Anspruch auf Kultur, Bildung und Tradition erheben. Aber jeder noch so feine abendländische Geist würde in der Hauptstadt bald der witzigen Karikatur und der soziologischen Verhöhnung verfallen. Das "christliche Menschenbild" ist in Hellersdorf, Neukölln oder Weißensee nicht ganz einfach zu vermitteln. Da würden Scharen von Berlin-Feuilletonisten mit spitzer Feder auf entsprechende Reaktionen aus der Bevölkerung warten. Hier riecht man förmlich, dass der Kandidat einst über "Der Hausfriedensbruch im Licht aktueller Probleme" promoviert hat. Berlin ist eine soziale Stadt, in der alle Kulturideen gesellschaftlicher Geltung und geschichtlicher Bedeutung von einem besonderen Unwillen zuerst hinweggefegt und dann aufgesaugt werden. Daran würde sich ein Kandidat wie Stoiber mit Führungsgeste und Kulturrangbewusstsein die Zähne ausbeißen.

Berlin begreift sich heute als Stadt ohne Form, wo temporäre Aktivitäten ein Maximum an Intensität mit einem Minimum an Substanz schaffen. Als Hauptstadt des Eklektizismus feiert es Hausbesetzerbewegung, Clubkultur und Hinterhofökonomie. Kultur, die sich nicht diesen Vorstellungen von Spontaneität, Selbstorganisation und Subversion fügt, gerät schnell unter Verdacht. Dem fügt sich das Schrödersche Modell eines "Experiments ohne Hypothese" viel besser als das Stoibersche einer "Kultur mit Leitlinie". Stoiber könnte sich nur als Fremdkörper in die Stadt einbringen, um damit vielleicht Antworten zu provozieren, die ihm einen Weg in die Stadt ebnen könnten.

Noch sperrt sich das Vorstellungsvermögen gegen Bilder vom Bundeskanzler Stoiber im Hotel Adlon, vor dem Bundeskanzleramt oder auf dem Gendarmenmarkt. Er gehört eben noch nicht wie Schröder ganz selbstverständlich zur Berliner Kulisse, wie sie der Rest der Landes aus "Liebling Kreuzberg", "Rosa Roth" oder die "Straßen von Berlin" kennt. Aber durch bloße Imagekonstruktion aufgrund von Medienreklame, Telefonbanken und gezielten Postverkehr wird sich dieses Problem nicht lösen lassen.

Die Vorstellungskomplexe der Namen Stoiber und Berlin beißen sich nicht aufgrund falsch geleiteter Informationen und gezielt gesetzter Diffamierungen. Mit dem Gedankenexperiment von Stoiber in Berlin stellt sich vielmehr die Frage nach dem symbolischen Ort der Hauptstadt im deutschen Bewusstsein. Der Vergleich von München und Berlin macht sofort deutlich, dass Berlin weder Metropole im Sinne eines strategischen Wirtschaftszentrums, noch im Sinne eines Maßstäbe setzenden kulturellen Zentrums darstellt. Aber die Stadt ist heute Ausdruck politischer und gesellschaftlicher Integrationsprobleme, für die es keinen historischen Präzedenzfall gibt. Hier treffen nicht allein die Gegensätze zwischen westdeutscher und ostdeutscher Gesellschaftlichkeit aufeinander, sondern dazu noch die ganzen Abstammungskulturen der Migranten, die im Dickicht der einzigen deutschen Großstadt mit Millionengefühl ihr Glück suchen.

So taugt der Name Berlin nur dann als Bezeichnung einer Republik, wenn damit nicht die Auffassung eines neuen Zentrums verbunden ist. Berlin ist nicht Mitte, sondern eine Perspektive der Berliner Republik.

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