• Berliner Sommer: In welcher Hauptstadt dieser Welt kann man vor dem Präsidentenpalast seine Würstchen grillen? (Gastkommentar)

Welt : Berliner Sommer: In welcher Hauptstadt dieser Welt kann man vor dem Präsidentenpalast seine Würstchen grillen? (Gastkommentar)

Pascale Hugues

Ich liebe den Berliner Sommer. Im Schatten der großen Bäume von Schöneberg, wenn ich am Morgen in meinem Lieblingscafé die Zeitungen lese, sage ich mir, dass diese hitzigen und leuchtenden Wochen für alle dunklen Tage des traurigen Berliner Winters entschädigen, wenn es um drei Uhr nachmittags Nacht wird. Im Sommer hat die Stadt eine verlotterte, laszive Ausstrahlung, die gegen das noble und seriöse Machtzentrum des vereinigten Deutschland aufbegehrt. In welcher anderen Hauptstadt kann man nackt sonnenbaden, direkt an der Spree, unter den Fenstern des Innenministeriums?

Ich stelle mir vor, welchen Skandal ein gepiercter und tätowierter Nudist verursachen würde, der sich unter den Balkonen eines französischen Ministers sonnen würde. Ich erinnere mich, dass ich einmal an einem besonders heißen Tag meinen zweijährigen Sohn an der Place des Vosges in Paris entkleidet habe, um ihn in das kühle Wasser des Brunnens zu tauchen. Unter den schockierten Blicken der französischen Mütter habe ich mich schnell eines Besseren besonnen. Neben den kleinen Mädchen in volantgesäumten Sommerkleidchen und den Jungs in hellblauen Latzhosen erschien mein kleiner Herr der Matschepampe wie ein schmutziger und exhibitionistischer Wilder.

In welcher Hauptstadt auf dieser Welt kann man vor dem Zaun des Präsidentenpalastes seine Würstchen grillen? Ich stelle mir den Aufstand vor, wenn eine algerische Familie vor den Tores des Elysée-Palasts ihre Merguez braten und fettgeschwängerter Rauch an den Fenster des Präsidenten vorbeiziehen würde.

Deshalb liebe ich Berlin. Paris ist sich seines Status als Zentrum der Welt sicher, ist ein bisschen hochnäsig, sehr urban, elegant, laut, verstopft, stressig. Berlin ist weniger schön, weniger harmonisch, weniger selbstsicher. Und der Alltag hier ist so viel leichter. Wenn an den Ufern der Krummen Lanke der Tag zu Ende geht, weiß ich, das ich in keiner anderen Stadt leben möchte. Erst im Herbst fange ich wieder an, von Paris zu träumen.

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