Berlusconi : Zwischen Heim und Ruby

Beim Sozialdienst in einem Alterspflegeheim zeigt sich Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi reuig - doch die zweite Runde im Ruby-Prozess droht ihn nun einzuholen.

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Vor Gericht. Berlusconi vor einer Zeugenaussage im Prozess um einen Ex-Vertrauten in der vergangenen Woche in Neapel.
Vor Gericht. Berlusconi vor einer Zeugenaussage im Prozess um einen Ex-Vertrauten in der vergangenen Woche in Neapel.Foto: dpa

Silvio Berlusconi ist jetzt „operativ“. Das heißt, dass im Alterspflegeheim von Cesano Boscone, wo der frühere italienische Ministerpräsident derzeit als Hilfspfleger Sozialdienst leistet, die Einführungsphase abgeschlossen ist. Berlusconi kümmert sich in der Alzheimer-Abteilung nun mehr oder weniger selbstständig um die ihm zugewiesenen Patienten. Etwa beim Mittagessen, wie er letzte Woche einigen Parteifreunden erzählte: „Da war eine kranke Frau, die nicht essen wollte. ,Gebt sie mir’, habe ich gesagt. Dann habe ich mit dem Löffel den Flugzeug-Trick für Kinder gemacht: ,Es kommt ein Flugzeug voll mit oohhh’… Dann hat sie gegessen.“ Anschließend sei ein älterer Signore zu ihm gekommen und habe gesagt: „Presidente, ich habe 30 Jahre lang immer die Kommunisten gewählt – aber nachdem ich bei Ihnen soviel Demut und guten Willen beobachtet habe, werde ich von nun an immer Ihnen die Stimme geben.“

Dass es eine solche Szene wirklich gegeben hat, ist freilich eher unwahrscheinlich: Der Ex-Premier ist bekannt für seine blühende Phantasie und die Verklärung des eigenen Handelns. Aber den Patienten beim Essen zu helfen, gehört durchaus zu den Aufgaben, welche die Heimleitung ihrem prominenten Hilfspfleger übertragen hat. Daneben übt Berlusconi mit den Heimbewohnern einfache Ballspiele, die der Beweglichkeit und der Koordination dienen. Auch das Lesen mit den durch ihre Krankheit meist stark behinderten Patienten gehört zum Tagesablauf. Gelegentlich kontrolliert die Leiterin der Alzheimer-Abteilung, Giuliana Mura, ob Berlusconi auch die Theorie gelernt hat: Welche Formen der Demenz gibt es, welche Symptome zeichnen die einzelnen Stadien von Alzheimer aus, welche Therapie-Formen können die Krankheit eventuell lindern?

Berlusconi bringt seinen Patienten immer Schokolade mit

Dem Personal von Cesano Boscone ist in Sachen Berlusconi ein striktes Redeverbot auferlegt worden. Dennoch wussten die Medien zu berichten, dass der Ex-Premier seinen Patienten immer etwas Schokolade mitbringe, mit der ausdrücklichen Erlaubnis der Abteilungsleiterin. Er habe sich gemerkt, welche Sorten die einzelnen Patienten besonders mögen und welche aus gesundheitlichen Gründen keine Schokolade vertragen. Den Arbeitskollegen habe Berlusconi Armband-Uhren seines Fußballvereins AC Milan mitgebracht; der Fußball sei in den Pausen mit den anderen Pflegern ein beliebtes Thema. Auch ein erstes Gespräch mit dem Gerichtspsychologen, der die Fortschritte bei seiner Resozialisierung überwacht, hat Berlusconi schon hinter sich gebracht. Alles in allem, ist aus dem Heim zu vernehmen, verhalte sich der Proband vorbildlich: Er respektiere die Regeln, und seine zwölf Leibwächter hätten ihn in den ersten sieben Wochen seines Einsatzes auch erst einmal zu spät zum Dienst gebracht.

Im Alterspflegeheim verbüßt der einstige Ministerpräsident in Form von gemeinnütziger Arbeit seine Strafe wegen Steuerbetrugs. Gemäß dem Urteil des höchsten Gerichts vom vergangenen August hätte er für vier Jahre ins Gefängnis gehen müssen; drei Jahre davon sind jedoch von einem allgemeinen Strafnachlass abgedeckt, den die Regierung seines politischen Erzgegners Romano Prodi im Jahr 2007 beschlossen hatte. Und weil Straftäter, die über 70 Jahre alt sind, in Italien nicht mehr hinter Gitter müssen, kam der knapp 78-jährige Berlusconi in den Genuss von gemeinnütziger Arbeit. Die Strafvollzugsbehörden von Mailand gewährten dem Ex-Premier außerdem einen weiteren, großzügigen Rabatt: Er muss nur einen Halbtag pro Woche Sozialdienst leisten – bei guter Führung noch bis Februar 2015. Arbeitsantritt ist jeweils Freitag, 9.45 Uhr. Nach dem Mittagessen mit den Patienten ist Berlusconi wieder ein freier Mann.

Im Ruby-Prozess droht Berlusconi eine höhere Strafe

Doch nun dräuen erneut schwarze Wolken am Horizont des Ex-Cavaliere: Am Freitag hat vor dem Berufungsgericht von Mailand die zweite Runde im sogenannten Ruby-Prozess begonnen. In der Affäre um die Sexorgien mit Beteiligung der damals noch minderjährigen marokkanischen Heimausreißerin Karima El Mahroug alias Ruby Rubacuori war Berlusconi vor einem Jahr zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Sollte das Urteil in zweiter Instanz bestätigt werden, würde sich die Gesamtstrafe auf zehn Jahre erhöhen: Rückfälligen Straftätern wird der Rabatt von drei Jahren des Prodi-Strafnachlasses automatisch wieder gestrichen. Auch die privilegierte Form der Strafverbüßung in Form von Sozialdienst, die nur Ersttätern gewährt wird, wäre dahin: Berlusconi müsste die zehn Jahre in Hausarrest verbringen. In seinem Alter hieße dies – mehr oder weniger – lebenslang.

Das Urteil im zweiten Ruby-Prozess wird bereits am 18. Juli erwartet – alles könnte also relativ schnell gehen. Berlusconis Stimmung schwanke zwischen ohnmächtiger Wut und wachsender Panik, heißt es aus seinem Umfeld. „Das Urteil ist längst geschrieben; die Justiz wird nicht eher ruhen, als ich hinter Gittern sitze“, hat der Ex-Premier gegenüber Vertrauten gesagt. Noch kann er sich an zwei kleine Strohhalme klammern: Regierungschef Matteo Renzi ist bei seinen Reformen auf die Stimmen der Forza Italia angewiesen, und auch bei der Wahl des nächsten Staatspräsidenten wird die Berlusconi-Partei im Parlament ein gewichtiges Wort mitreden. Vielleicht, so die Überlegung des Ex-Premiers, lässt sich Renzi ja auf einen Deal „Reformen gegen Straffreiheit“ ein. Oder das Parlament wählt einen ihm gewogenen Staatspräsidenten, der ihn anschließend begnadigt. Beides ist jedoch – das weiß auch der einst mächtigste und reichste Mann Italiens – eher unwahrscheinlich.

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