Bertrand Piccard : Sonne verleiht Flügel

Sein Opa war ein Pionier des Ballonfluges, sein Vater eroberte die Meerestiefen. Bertrand Piccard will nun in 30 Tagen um die Welt fliegen – ohne einen einzigen Tropfen Treibstoff.

Uschi Entenmann
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Bertrand Piccard.Foto: www.solar-impulse.com

Bertrand Piccard ist im Morgengrauen zum Flug über Zürich gestartet. Eingeklemmt sitzt der drahtige Mann mit der Glatze nun in seinem winzigen Cockpit, die Hände ums Steuerruder geklammert, im Gesicht eine Sauerstoffmaske. Elektroden an seiner Brust messen Herzrhythmus, Blutdruck und Lungenvolumen, per Funk werden die Werte ans Bodenteam übermittelt. Drei Kilometer zu Piccards Füßen glitzern die Lichter der Stadt, und über der Alpenkette im Südosten glüht die Dämmerung. Bald gibt es wieder genug Licht. Piccard braucht es dringend. Denn ein Blick auf den Monitor vor ihm verrät: Die Ladung der Lithium-Batterien, ohne die die Propeller nicht funktionieren würden, geht zur Neige. Die Solarzellen auf der Oberfläche des Flugzeugs müssen erst wieder neue Energie einsammeln.

In der Realität wäre der Pilot jetzt wohl in einer brenzligen Situation, doch der Flug, den er gerade absolviert, ist risikolos. Es handelt sich, von Anfang bis Ende, um eine Simulation. Das Cockpit steht in Wahrheit in einem schwarzen, haushohen Zelt auf dem Militärflughafen bei Zürich. Und das Alpenpanorama, auf das Piccard blickt, ist eine Filmprojektion.

Bis der 52-Jährige wirklich in den Himmel über Zürich aufsteigen kann, muss noch vieles am Boden durchgespielt werden. Denn Piccard möchte erreichen, was bisher keiner geschafft hat: Er will ein Flugzeug bauen, das – ohne einen Tropfen Treibstoff und stattdessen nur mithilfe von Sonnenenergie angetrieben – einmal um die Erde fliegen kann. Er selbst will bei der Weltumrundung dann im Cockpit sitzen.

Verrückt? „Es ist viel verrückter zu glauben, unsere Zivilisation könne überleben, wenn sie jede Stunde eine Million Tonnen Öl verbraucht“, sagt Bertrand Piccard, der glaubt, mit seinem Projekt in Zeiten von Klimawandel und steigender Energiepreise ein Zeichen setzen zu können. „Jeder redet davon, dass unsere Ressourcen zur Neige gehen, aber keiner zeigt eine Lösung.“

Sechs Jahre Planung und Konstruktion liegen schon hinter dem Schweizer, der eigentlich Psychiater ist. Mehr als 60 Spezialisten aus sechs Ländern hat er zur Unterstützung angeworben: Physiker, Aerodynamiker, Elektroniker, Ingenieure für Leichtbau, Solarenergie, Klimasysteme und Flugdynamik. Hinzu kommen rund 100 externe Berater in Lausanne, wo Piccard lebt, und im Zürcher Hangar, wo längst ein Prototyp für seinen Solarflieger „Solar Impulse“ steht: HB-SIA.

Piccards Flugzeug ist eines, das es so noch nie gab in der Geschichte der Luftfahrt. Mit mehr als 60 Metern hat es die Spannweite eines Airbus’ und ist doch bloß so schwer wie ein Kleinwagen. Schon die Tragflächen sind ein Wunderwerk der Technik: 120 Karbonfaser-Rippen verbinden Ober- und Unterseite eines Flügels, jede wiegt nur so viel wie ein Papiertaschentuch.

Entsprechend empfindlich reagiert das Flugzeug auf Fallwinde und Böen. Schon bei einer Neigung von zwölf Grad droht es abzustürzen. Gegen diese Gefahren muss man gewappnet sein. Wenn Piccard eines Tages mit „Solar Impulse“ abhebt, wird er eine eigens entwickelte Jacke tragen, deren Ärmel als Warnung zu vibrieren beginnen, sobald sich das Flugzeug um mehr als fünf Grad zur Seite neigt.

Bisher läuft für Piccards Projekt alles nach Plan. Am 3. Dezember des vergangenen Jahres glückte der erste Flug des Prototypen. Der deutsche Profi-Testpilot Markus Scherdel flog im HB-SIA 350 Meter weit – allerdings bei einer Flughöhe von nur einem Meter. Weitere Versuche werden folgen, auch und vor allem mit Bertrand Piccard als Piloten. Im Frühsommer wird es wohl schon einen 36-Stunden-Flug geben.

Die Vision von der Weltumrundung soll dann im Jahr 2012 Wirklichkeit werden. In fünf Etappen, die je drei bis sechs Tage dauern, will Piccard einmal um die Erde fliegen. Eine immense Belastung kommt auf ihn zu. Seine konzentrierte Nahrung wird er in ungesunder Hast verschlingen, weil er die Sauerstoffmaske nur für einen kurzen Moment lüften darf. Außerdem wächst nach ein paar bewegungslosen Tagen und Nächten im Cockpit die Gefahr, an Thrombose zu erkranken. Piccard hofft, dass er alle vier Stunden den Autopiloten einschalten kann, um eine Viertelstunde zu schlafen. Das lässt sich nur mithilfe von Selbst-Hypnose überstehen, die er als Psychiater aber schon oft praktiziert hat.

Der Schweizer ist Familienvater, hat drei Töchter. Warum nimmt er all diese Anstrengungen und Risiken auf sich?

„Ich bin Pionier, möchte suchen und forschen, dann bin ich glücklich“, sagt er. Die Idee mit dem Solarflugzeug entstand nach seinem letzten Abenteuer. Im Jahr 1999 schaffte Piccard als erster Mensch die Nonstop-Weltumrundung in einem Heißluftballon. Damals trieben er und sein Partner Brian Jones drei Wochen um die Welt – in Höhen von bis zu elf Kilometern, bei Temperaturen um minus 40 Grad Celsius, mit einer Geschwindigkeit von bis zu 235 Kilometern pro Stunde.

Wahrscheinlich kann Piccard nicht anders, schon sein Vater und Großvater waren zu ihrer Zeit als Pioniere und Abenteurer weltberühmt. In Vorträgen, mit denen Bertrand Piccard vor allem sein Geld verdient, schildert er, wie sich Großvater August 1931 als erster Mensch mit einem Ballon 16 Kilometer hoch in die Stratosphäre transportieren ließ. Und wie sich Vater Jacques 1960 als erster Mensch in einem Tauchgerät fast elf Kilometer in den tiefsten Meeresgrund der Ozeane wagte, den Marianengraben im Pazifik.

Als Kind erlebte Piccard sechs Raketenstarts. Sein Vater war mit Wernher von Braun, dem Leiter des Nasa-Mondfahrtprogramms, befreundet. „Es war einer der grandiosesten Momente der Menschheitsgeschichte, als die Astronauten in einem Feuersturm starteten und als Erste den Mond betraten!“ sagt er. Das Kennedy Space Center am Cape Canaveral bedeutet ihm mehr als Fertigungshallen, Radarräume und Startrampen. „Ich lernte Männer kennen, die Geschichte schrieben.“ Wernher von Braun erzählte ihm damals, „dass er als Student einmal einen Vortrag meines Großvaters gehört und danach beschlossen hatte, ein bemanntes Raumschiff zum Mond zu schicken.“

Piccard zuckt mit den Achseln. „Ja, was blieb bei so einer Familiengeschichte noch für mich? Mein Großvater ging nach oben, mein Vater nach unten, also beschloss ich, um die Welt herum zu fliegen.“ Vater und Großvater hätten ihn jedoch nie unter Druck gesetzt. Trotzdem spürt Piccard die Last der Familientradition oder zumindest den Neid, der ihm manchmal entgegenschlägt. Als sein erster Versuch der Weltumrundung im Heißluftballon nach sechs Stunden scheiterte und er notlanden musste, zelebrierten die Medien, was er selbst als die „größte Niederlage meines Lebens“ empfand: „Der ist doch nicht so gut wie sein Vater und Großvater, hieß es damals.“

Piccards älteste Tochter Estelle, sie ist 20 und studiert in Berlin Marketing, hat dem Vater neulich erklärt, dass sie ständig gefragt werde, ob sie auch bald eine große Pionierin und Entdeckerin werde: „Sie gibt jetzt keine Interviews mehr, sie hat die Frage satt.“

Andererseits kann der Mythos, der die Familie umgibt, auch hilfreich sein. Die Kinder mussten sich im Disneyland früher nicht an der Schlange anstellen. Und Bertrand Piccard selbst hätte ohne seinen großen Namen wohl nie so viel Geld für das „Solar Impulse“-Projekt sammeln können. Das Flugzeug auf Weltreise zu schicken, kostet 70 Millionen Euro. Drei Viertel dieser Summe, rund 40 Millionen Euro, hat Piccard bereits angeworben – über Vorträge, „Powerpoint-Präsentationen“. Mit diesem Geld konnte der Prototyp gebaut werden. Jetzt, wo es schon ein Flugzeug gibt, werde es auch kein Problem mehr sein, die restlichen Millionen zu beschaffen, glaubt Piccard. Zumal längst finanzstarke Sponsoren, etwa eine große Bank und ein Uhrenhersteller hinter dem Projekt stehen.

Auf dem Weg zu einem Vortrag in Frankfurt hält Piccard ein Plädoyer für schadstoffarme Autos und Flugzeuge, wärmegedämmte Häuser und Sparlampen. „Die Leute denken, erneuerbare Energien seien teuer und unbequem. Das Gegenteil ist der Fall!“ Schon der Begriff „erneuerbare Energien“ sei falsch gewählt, weil er alles andere als sexy klinge. „Solar Impulse“, glaubt Piccard, könne viel an der Situation ändern. „Wenn das Schweizer Alinghi-Team den America’s Cup gewinnt, gehen die Schweizer zur Segelschule. Wenn wir mit ,Solar Impulse’ um die Welt fliegen, werden Millionen Menschen Energie sparen und Politiker wählen, die eine echte Vision bieten“, sagt er. Ein bisschen Größenwahn schwingt dabei mit, aber auf Piccards Präsentationen kommt die Botschaft tatsächlich an. Nach dem Vortrag in Frankfurt umringen ihn die Zuhörer. „Sie waren fantastisch“, ruft eine Amerikanerin und fällt ihm um den Hals.

Manchmal wird Bertrand Piccard mit Ikarus verglichen, der griechischen Sagengestalt. Die Geschichte geht so: Um der Verbannung auf Kreta zu entfliehen, entwickelt Ikarus’ Vater Dädalus Flügel, die ihn und den Sohn übers Meer tragen – bis sich der übermütige Ikarus zu nah an die Sonne wagt, das Wachs seiner Flügel schmilzt und er in den Tod stürzt. Auch Piccard wird mit „Solar Impulse“ weit nach oben fliegen, um möglichst gut von der Energie der Sonnenstrahlen zu profitieren. Doch er sieht sich auf einem dritten Weg – genau zwischen Dädalus, dem Wissenschaftler, und Ikarus, dem Menschen, der euphorisch seinen Leidenschaften nachgibt.

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