Welt : Betteltour für Angehörige

Friedemann Diederichs

Es war ein Bild der Friedfertigkeit und Eintracht. Mehr als 700 Kinder drängelten in einem Spielzeug-Geschäft im Herzen New Yorks um einen Weihnachtsmann, es gab Lebkuchen und Geschenkpakete, im Hintergrund strahlten die Mütter und auch New Yorks scheidender Bürgermeister Rudolph Giuliani.

Polizistengattinnen bekommen mehr

Versammelt waren junge Witwen, die beim Terroranschlag auf das World Trade Center ihren Ehemann verloren hatten: Einen der 400 Feuerwehrmänner und Polizisten, die am 11. September starben. Dass die Angehörigen dieser Opfer so stimmungsvoll feiern konnten, verdankten sie auch dem gewaltigen Spendenaufkommen.

Gut drei Monate nach den Terroranschlägen sind nun auch die letzten unterirdischen Feuer am zerstörten World Trade Center gelöscht worden. Über der Erde hingegen beginnt das Feuer sich erst richtig zu entzünden: Hinter den Kulissen tobt ein teilweise erbittert geführter Streit, wer von den weltweit gesammelten umgerechnet drei Milliarden Mark am meisten profitieren wird. Auch wird scharf kritisiert, dass bisher nur ein Viertel dieser Summe von den rund 200 Hilfsfonds tatsächlich ausgezahlt worden ist - und von einem mit 1,3 Milliarden Dollar (rund 2,8 Milliarden Mark) angefüllten staatlichen Hilfstopf noch gar nichts.

Sichtbarer Höhepunkt der Problematik: Eine Versammlung von New Yorker Antragstellern, bei der die Nerven blank lagen. "Ich muß mehr bekommen als andere. Mein Mann hat schließlich sein Leben verloren, als er andere retten wollte," forderte eine Polizisten-Witwe. Die Ehefrau eines Börsenmaklers, der ebenfalls dem Flammeninferno zum Opfer gefallen war, giftete daraufhin zurück: "Mein Mann ist doch Opfer des gleichen Krieges geworden."

Eine Datenbank soll Überblick schaffen

Größtes Problem für die Hilfsfonds ist derzeit festzustellen, welche Familien bei welchen Spendenorganisationen Anträge gestellt haben - und dann für eine gerechte Verteilung zu sorgen. Die Einrichtung einer Datenbank, bei der alle Anträge auf Leistungen erfasst werden, soll nun bei diesem Mammut-Projekt helfen. Denn viele Angehörige können tatsächlich aus mehreren Töpfen Zahlungen beantragen, müssen aber dabei teilweise abenteuerliche bürokratische Hürdenläufe absolvieren - wie die 26jährige Carie Lemack, deren Mutter am 11. September im World Trade Center starb und die nun erst einmal von einer Organisaton aufgefordert wurde, den schlüssigen Nachweis zu erbringen, dass die Tote tatsächlich ihre Mutter ist.

Die stark reduzierte Opferzahl - derzeit gehen die US-Behörden von rund 3000 Toten anstatt der ursprünglich geschätzten mehr als 6000 aus - sorgt dafür, dass auf dem Papier die Angehörigen teilweise erhebliche Summen erwarten können. Für die Familien der Polizisten und Feuerwehrleute sind 800 Millionen Mark geflossen, so dass im Durchschnitt hier zwei Millionen Mark pro betroffener Familie zur Verfügung stehen werden - zuzüglich der städtischen Pensionen aus Lebensversicherungen.

Im Chaos der Bürokratie

Während hier also die finanzielle Not effektiv gelindert werden dürfte und auch schon große Summen als Abschlag ausgezahlt worden sind, müssen andere Angehörige das absolvieren, was sie als "Betteltour" bezeichnen: "Hier mal tausend Dollar, da mal fünfhundert. Mein ganzer Tag besteht daraus, Papiere auszufüllen und Hilfsfonds abzuklappern, um über die Runden zu kommen," berichtet Marcia Wright, deren Mann nicht mehr von seinem Arbeitsplatz in einem der kleinen Geschäfte im World Trade Center zurück kehrte und auch keine Lebensversicherung hinterlassen hat.

Das größte Spendenaufkommen registrierte seit dem Terroranschlag das Amerikanische Rote Kreuz - und dort gab es bisher auch den größten Ärger: Weil die Verantwortlichen anfänglich mit der organisatorischen Verteilung der Geld-Flut überfordert war, beschloss man zunächst, zwei Drittel der Spenden für andere Zwecke - darunter auch Verwaltungskosten - zu verwenden. Erst nach einem Proteststurm in der Bevölkerung wurde dieser fragwürdige Beschluß, der mit rund 800 000 Mark Jahresgehalt fürstlich dotierten langjährigen Rotkreuz-Präsidentin Bernadine Healy letztlich auch den Job kostete, wieder revidiert.

Auch von staatlicher Seite gab es gestern erstmals seit langer Zeit wieder eine frohe Boschaft: Der staatliche Hilfsfonds, nur zehn Tage nach dem Anschlag vom US-Kongress eingerichtet, will entgegen ursprünglicher Pläne bereits gezahlte Beträge von Privatorganisationen nun doch nicht mit Leistungen aus dem Fonds verrechnen. Diese Regelung trägt Bedenken Rechnung, dass andernfalls auch private Hilfsfonds ihre Zahlungen weiter verzögert hätten - um erst einmal festzustellen, was denn die Familien vom Staat bekommen.

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