Bettina Wulffs Buch-Cover : Gefährliche Gratwanderung

Das offensiv gezeigte Tattoo. Die energische, aber schweigende Kopfhaltung. Die kaum sichtbare Verbitterung in den zusammengedrückten Lippen. Körpersprache-Experte Ulrich Sollmann über das Buchcover von Bettina Wulff - und eine gefährliche Gratwanderung.

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Im Handel: Eine Autobiographie von Bettina Wulff.
Im Handel: Eine Autobiographie von Bettina Wulff.Foto: dpa

Das Cover von „Jenseits des Protokolls“ ist wahrlich ein Eyecatcher, um es in der Marketing-Sprache des Buchhandels auszudrücken. Frau Wulff schaut über die rechte Schulter mit leicht nach hinten gedrehtem Kopf zu einem imaginären Dritten. Ihre Lippen schmal geschlossen, als würden sie nicht mehr reden wollen, obwohl sie viel zu sagen hat. Endlich auch sagen will. In ihrem Buch, das gerade erschienen ist.

Ihr klarer und energischer Blick unterstreicht die Entschiedenheit ihrer Botschaft an besagten imaginären Dritten, die man beim Anblick dieses Coverfotos bereits erahnen kann. Die durch die fulminante PR-Kampagne orchestral untermalt wird.

Bettina Wulff hat lange auf diesen Augenblick gewartet. Lange, um sich gegen die Gerüchte zur Wehr zu setzen, sie hätte im Rotlichtmilieu gearbeitet. Wer das Buch liest, wird mit sehr persönlichen, oft intimen Details eines Menschen betraut, der sich voller Scham offensichtlich nicht eher zu Wort melden konnte. Das ähnelt dem Verhalten von Menschen, deren emotionale Grenzen durch medialen Übergriff missachtet wurden. Von Menschen, die des oftmals erforderlichen Rollenspiels wegen auf sich selbst emotional verzichten.

Menschen schweigen zunächst zu einem solch beschämenden Verhalten. Für Außenstehende ist dann Schweigen oft nicht nachvollziehbar. Menschen erstarren emotional, obwohl sie genau wissen, was passiert ist und was man ihnen angetan hat. Sie fühlen sich dann oftmals angewiesen auf einen „Zeugen“, dem man, ohne dass er selbst vielleicht dabei gewesen ist, alles erzählen kann und der einem unumwunden, ohne Einschränkung auch Unglaubliches glaubt. Ein „Zeuge“, der einfach nur zuhört.

Die vielfach getätigte Wiederholung solcher Bezugnahme auf besagten „Zeugen“ hilft den Menschen, wieder an sich selbst zu glauben. Und hieraus sich emotional bestätigt zu fühlen, direkt gegen solche Gerüchte vorzugehen. Direkt und sofort. Und mit aller Entschiedenheit. Das Buch, das Wulff mit Nicole Maibaum zusammen geschrieben hat, besitzt vielleicht eine solche Zeugenfunktion.

Ich erinnere mich an den Blick auf dem Buchcover. Es könnte derselbe Blick sein, der ihren Mann bei der Pressekonferenz zu dessen Rücktritt begleitet hat. Es könnte derselbe Blick sein, der die tiefe Beschämung spiegelt. Wortlos spiegelt. Daher umso eindringlicher, da zerbrechlicher.

Mein Blick richtet sich auch auf ihr Tattoo, das ihr offensichtlich persönlich sehr wichtig ist. Das Tattoo, das sie oft wegen der präsidialen Etikette verbergen musste. Wulff musste sich verbergen.

Jetzt zeigt sie es dezent und doch zuvorderst im Bild. Es ist nicht zu übersehen. Es soll nicht übersehen werden. Könnte es doch auch für den Selbstbehauptungswillen dieser Frau stehen. Den Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Auch von den Medien.

Es geht also nicht nur um die emotionale Rehabilitation. Es geht nicht nur um die juristische Richtigstellung oder Zahlung von Schmerzensgeld. Die Klage gegen den Global Player Google eröffnet einen Kampf gegen die Medien. Nein, gegen Mediengiganten. Sie eröffnet den Kampf gegen das Internet. Und einen Kampf gegen einen sich selbst erhaltenden anonymen Algorithmus. Einen Algorithmus, der aus sich selbst heraus lernen kann. Der natürlich von Menschen gefüttert wird.

Und sie eröffnet den Kampf gegen schier unbezwingbare, wirtschaftliche Interessen. Interessen, die wahrscheinlich keinen Sinn dafür haben, ob sie jemanden verletzten oder beschämen.

Aber auch einen Kampf gegen die präsidiale Etikette, gegen das politische Rollenspiel. Und gegen ihren eigenen Mann.

Ich erinnere mich wieder an Wulffs Minenspiel auf dem Buchcover. Dieses offensiv gezeigte Tattoo. Diese energische, aber schweigende Kopfhaltung. Und die Scheu in den Augen dieser Frau. Und die kaum sichtbare Verbitterung in den zusammengedrückten Lippen.

Bettina Wulff behauptet sich demonstrativ selbst. Sie inszeniert, zusammen mit dem Verlag, eine Kampfansage, ohne letztendlich einschätzen zu können, wie das Spiel ausgehen wird.

Damit meine ich das juristische Spiel und das Medienspiel. Auch wenn sie das juristische Spiel weitgehend gewinnen könnte, gibt es wie in jedem Kampf, in jedem Krieg die zynisch formulierten Kollateralschäden. Die mediale Inszenierung wird jeden ihrer Schachzüge auskosten und im eigenen Interesse zur eigenen Waffe wandeln.

Damit meine ich auch die persönliche Distanzierung von ihrem Mann.

So könnte Wulffs PR-Kampagne, die sie ja durch ihre zeitgleichen Interviews besonders unterstreicht, zu einer gefährlichen Gratwanderung werden. Können doch besagte Kollateralschäden Wulff noch sehr weh tun.

Der Autor Ulrich Sollmann bloggt unter der Adresse www.body-languages.net.

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