Bevölkerungswachstum : 300.000.000 Amerikaner

Irgendwo in den USA ist er heute eingetroffen: der dreihundertmillionste Einwohner. Die Bevölkerungszahl der USA überschreitet damit eine historische Marke.

Washington - Vielleicht ist es ein Mann, vielleicht eine Frau, vielleicht ein frisch entbundenes Baby oder ein Immigrant aus Mexiko, der im Schutz der Morgendämmerung in der Wüste von Arizona illegal über den Grenzzaun kletterte. Die staatlichen Demografen in Washington wissen nicht, wer der Dreihundertmillionste ist. Aber sie wissen statistisch exakt, wann er kam: am Dienstagmorgen um 07.46 Uhr Ortszeit (13.46 Uhr MESZ). Hinter der runden Zahl verbirgt sich eine Besonderheit: Die USA sind das einzige Industrieland, dessen Bevölkerung kräftig wächst. Und in kaum einem anderen Land ändert sich das Gesicht der Bevölkerung dermaßen rasch.

Die Anziehungskraft des weiten Landes zwischen Atlantik und Pazifik ist ungebrochen. Der Traum von einem besseren Leben lockt derzeit alle 31 Sekunden einen Immigranten an, errechneten die Statistiker vom US-Zensusbüros. "Das Bevölkerungswachstum bedeutet eine Rückkehr in unsere Vergangenheit als Land der Immigranten", sagt der Demograf William Frey vom Brookings Institute in Washington. Ebenso ins Gewicht fällt, dass die meisten Bewohner optimistisch in die Zukunft blicken: Die Menschen trauen sich, Kinder zu bekommen. Jede Frau in den USA hat durchschnittlich 2,1 Kinder. In Deutschland sind es 1,4 Kinder pro Frau - das ist zu wenig, um die Bevölkerung konstant zu halten.

Während die deutsche Bevölkerung seit 2003 schrumpft, zeigt die US-Statistik steil nach oben: 1967 waren es 200 Millionen Einwohner, 2006 sind es 300 Millionen, im Jahr 2043 werden es bereits 400 Millionen sein. Die Bevölkerung der Bundesrepublik wird bis dahin von 82 Millionen auf etwa 75 Millionen zurückgehen.

Der amerikanische Traum

Die US-Statistiker messen in nackten Zahlen, wie sich der "amerikanische Traum" vom besseren Leben erfüllt und dadurch neue Menschen anlockt. Als Maßstab für die Vermessung des Glücks dienen beispielsweise Wohn- und Besitzverhältnisse. So waren 1915, als die USA die 100-Millionen-Marke erreichten, etwa 46 Prozent der Einwohner Besitzer eines Eigenheims. Von den 200 Millionen Einwohnern im Jahr 1967 hatten dann schon 64 Prozent ein eigenes Haus, heute sind es 69 Prozent. Zugleich haben die Menschen immer mehr Platz zur Entfaltung: In den vergangenen 25 Jahren nahm die Durchschnittsgröße eines Wohnhauses um 65 Quadratmeter zu.

Doch das Leben der Massen im Wohlstand hat seine Kehrseite. "Die USA sind die einzige Industrienation mit einem bedeutsamen Bevölkerungswachstum, und dieses Wachstum führt in Kombination mit unserem Rohstoffverbrauch dazu, dass die USA die größten ökologischen Spuren auf der Erde hinterlassen", sagt Vicky Markham, Direktorin des Zentrums für Umwelt und Bevölkerung. Die USA stellen fünf Prozent der Erdbevölkerung, verursachen aber ein Viertel aller Treibhausgase. Inzwischen sind auf Amerikas Straßen 237 Millionen Autos unterwegs.

47 Stunden jährlich im Stau

Markhams Institut hat errechnet, dass der durchschnittliche US-Fahrer jedes Jahr 47 Stunden im Stau steht - verglichen mit 16 Stunden vor 20 Jahren. Und jeder US-Verbraucher verursacht täglich zweieinhalb Kilo Müll. 40 Prozent der Flüsse sind inzwischen wegen Verschmutzung fürs Schwimmen und Angeln gesperrt. Ökologen sehen es als Beleg für die überlastete Infrastruktur, dass in verschiedenen Regionen der USA zwischen 1990 und 2004 etwa 400 Mal die Stromversorgung zusammenbrach.

Auch wenn die Statistik nicht verrät, wie Einwohner Nummer 300.000.000 aussieht, ist es doch wahrscheinlich, dass er lateinamerikanische Züge hat. Keine Bevölkerungsgruppe wächst so rasch wie die spanischsprachigen Hispanics, Menschen also aus Mexiko und anderen lateinamerikanischen Staaten. Im Jahr 1967 waren die USA eine Art Fortsetzung Europas jenseits des Atlantiks. 84 Prozent der Einwohner waren Weiße europäischer Abstammung. Nur vier Prozent waren Hispanics. Heute sind noch zwei Drittel der Bevölkerung Weiße, 15 Prozent stammen aus Lateinamerika. Im Jahr 2050 werden es 25 Prozent sein. (Von Peter Wütherich, AFP)

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