Welt : Bewährung auf Amerikanisch

In Glen Mills – dem US-Internat für straffällige Jugendliche – steht Murat aus Köln als Neuling auf der untersten Stufe

Ulrike App

Eine friedliche Szene. Zwei Jugendliche sitzen an einem Tisch mit Leselampe, um sie herum Bücherregale aus dunklem Holz. Sie stecken die Köpfe in ihre Bücher, wirken konzentriert. Ein Blick aus dem Fenster, und sie sehen gepflegten Rasen, einen kleinen See, Sportanlagen. Typische amerikanische College-Studenten, mag man meinen. Sind sie aber nicht. Sie sind Kriminelle. Und ihre Schule ist keine einfache Schule, sondern ein Internat für straffällig gewordene Jugendliche in den USA - die Glen Mills School in Pennsylvania. Rund 1000 junge Einbrecher, Räuber, Diebe aber auch Dauerschulschwänzer leben hier, allerdings ohne Zäune und ohne Wache.

Seit kurzem haben sie einen neuen Mitschüler – aus Deutschland. Murat wird er genannt, ein 14-jähriger Serienstraftäter, und er gilt als unverbesserlich. Der Kölner Amtsrichter Othmar Schmäring schickte den jungen Türken deshalb in die USA. Fünfeinhalb Monate hatte der Junge aus Köln zuvor in Untersuchungshaft gesessen. Der Richter verhängte vergangene Woche zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung – und machte dafür eine seltene Auflage: Für eineinhalb Jahre muss der Junge in das US-Internat.

In Köln ist Murat schon länger bekannt, verfolgt doch die örtliche Presse seine kriminelle Karriere aufmerksam. Über 150 Straftaten soll er seit seinem elften Lebensjahr begangen haben: Diebstähle, Prügeleien, Überfälle. Aber erst jetzt ist er strafmündig. Davor war er in verschiedenen Heimen. „Die Einrichtungen in Deutschland haben dankend abgelehnt, wenn sie seine Akte gesehen haben“, erzählt Klüs Völlmecke, Abteilungsleiter beim Jugendamt Köln. „Ich glaube, dass Glen Mills für diesen Einzelfall das Richtige ist. Dafür spricht: Der Junge hat Interesse an Bildung, und ihm sind Gruppen wichtig.“ Murat habe zugestimmt. Damit erfüllt er das wichtigste Kriterium für die Aufnahme in der Schule. 159 Euro pro Tag koste das Internat, ein vergleichbarer Heimaufenthalt in Deutschland sei teurer. Flug und Aufenthalt bezahlt das Jugendamt.

In dem Internat, weit weg von Köln und seinen Freunden, muss sich Murat einem strengen Regiment unterwerfen. Seine „Gang“ muss er nun unter den Mitschülern zwischen 15 und 18 Jahren suchen. Doch einfach ist das nicht. Alles ist genau geregelt. Neuankömmlinge werden zuerst einmal für ein paar Tage nicht in die Gruppe aufgenommen. Sie stehen auf der untersten Stufe. Wer sich aber an die Vorschriften hält und sich für die Gruppe stark macht, steigt auf.

„Wir reißen den Jungen aus seinem Leben. Er war hier immer der King, der Größte. Dort muss er sich jetzt erst einmal zurechtfinden“, begründet Jugendrichter Othmar Schmäring seine Entscheidung. „Ich sehe das im Moment als letzte Chance in Freiheit für ihn.“ Auch Leistung ist in der Glen Mills Schule wichtig: Die Jugendlichen treiben viel Sport, lernen für einen Schulabschluss oder arbeiten in Werkstätten.

Das Konzept der Glen Mills School, eine Art Internat mit extremem Gruppen- und Leistungsdruck, ist in Deutschland umstritten. Befürworter weisen auf die niedrige Rückfallquote hin, gerade bei solchen Jugendlichen, die in Gangs groß geworden sind. Schon mancher „bad guy“ sei hier zum „good guy“ geworden. Aber es gibt Gegenstimmen. In einer Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts kritisiert Joachim Walter, Leiter der Jugendvollzugsanstalt Adelsheim, die dort herrschende totale gegenseitige Kontrolle. „Denunziation wird zur Pflicht“, hat er festgestellt, es werde eine Blockwart-Mentalität propagiert.

Rund 40 Jugendliche aus Deutschland waren nach Angaben des Kölner Richters schon in Glen Mills. Doch dass das System nach Deutschland übertragen wird, ist unwahrscheinlich. „Die Angebote hier reichen zu 99,9 Prozent aus. Für Einzelne sollte aber die Möglichkeit bestehen in die USA zu gehen“, sagt Michael Winkler, Pädagogikprofessor an der Universität Jena. Murat muss sich nun bewähren. Macht er sich strafbar, geht es auf dem schnellsten Weg zurück nach Hause.

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