Welt : Big Bratapfel

Wasser frei! Aber Strom wird knapp: Hitzenotstand in New York

Matthias B. Krause[New York]

Keine Wolke zeigt sich am diesig-blauen Himmel, der zwischen den Wolkenkratzern leuchtet, kein Lüftchen verspricht Abkühlung. Schon am Mittwochmorgen, als die New Yorker in ihre Büros eilten, ließ sich ahnen, dass es wieder ein heißer Tag werden würde, ein sehr heißer: Die Meteorologen versprachen über 40 Grad Celsius im Schatten, und Bürgermeister Michael Bloomberg rief den Notstand aus für die Acht-Millionen-Metropole. Das Wetter sei nicht nur unangenehm, es könne auch lebensgefährlich werden, warnte er und rief zum Stromsparen auf: „Als ich heute Morgen ins Büro gekommen bin, habe ich als Erstes die Klimaanlage ausgestellt.“ Wie lange er das durchhielt, verriet er nicht.

Wer die Klimaanlage laufen lässt, während er außer Haus ist, muss jetzt gar damit rechnen, dass er wegen einer Ordnungswidrigkeit angezeigt wird. Doch die meisten dürften Besseres zu tun haben, als ihre Nachbarn zu verpfeifen. Auf dem Weg zur Arbeit versprach die gekühlte U-Bahn kurzfristig Erleichterung, doch sobald man die Züge verließ, schlug die Hitze zu. Viele New Yorker Subway-Stationen liegen nur knapp unter der Erde, die schwarze Asphaltschicht der Straße wirkt wie eine große Heizung und lässt die Temperaturen noch zehn Grad über die Außentemperatur steigen. In den Bürokomplexen waren Fahrstühle außer Betrieb und Klimaanlagen liefen gebremst, um Strom zu sparen. Die Stadt öffnete knapp 400 so genannte Kühlzentren – gut gekühlte Räume, in denen sich alle aufhalten dürfen, die sonst keine Möglichkeit haben, sich der Hitze zu entziehen. Rentner der Umgebung nutzen sie für ausgiebige Kartenspiele oder eine Acht-Stunden-Partie Bingo.

Die öffentlichen Freibäder verlängerten ihre Öffnungszeiten, die 600 Sprayduschen in den Parks der Stadt liefen auf Hochtouren. In vielen Gebieten drehten die Bewohner Feuerhydranten auf. Wer konnte, versuchte sich in öffentlichen Bibliotheken zu kühlen, ins Kino zu gehen oder sich möglichst lange am Käseregal eines Supermarktes aufzuhalten. Jede Kühlung war den New Yorkern willkommen.

Was die Hitze in New York besonders unerträglich macht, ist die hohe Luftfeuchtigkeit von 50 bis 60 Prozent. Sie verhindert, dass der Schweiß auf dem Körper verdunstet und kühlt. Im Central Park sollten die Temperaturen am Mittwoch auf 104 Grad Fahrenheit (40 Grad Celsius) ansteigen, der Rekordwert liegt bei 106 Grad Fahrenheit, aufgestellt 1936. Nach Sonnenuntergang liegen die nächtlichen Tiefsttemperaturen immer noch bei 84 Grad Fahrenheit (29 Grad Celsius). Die Hitzewelle hat einen Großteil der Ostküste der USA erfasst und reicht von Boston im Norden bis hinunter in die Hauptstadt Washington D.C. und weiter in den Süden. Besserung sagen die Meteorologen erst für Freitag voraus.

Bis dahin drücken vor allem die New Yorker die Daumen, dass das notorisch marode und überlastete Stromnetz nicht wieder zusammenbricht. Im Rekordsommer 1977, als die Temperaturen neun Tage in Folge Höchststände erreichten, fiel der Strom in der ganzen Stadt aus – prompt kam es zu Plünderungen und Morden, die Polizei hatte Mühe, Ordnung und Sicherheit wieder herzustellen. Im Sommer 2003 ging das praktisch zu 100 Prozent ausgelastete Netz erneut in die Knie, dieses Mal dauerte der Blackout jedoch nur gut einen Tag, und die New Yorker verwandelten ihn in ein riesiges, fröhlich-ausgelassenes Straßenfest. In der vergangenen Woche mussten mehr als 100 000 im Stadtteil Queens für bis zu zehn Tage ohne Strom auskommen – bis heute ist nicht geklärt, ob die Überlastung des Netzes oder ein Blitzschlag der Auslöser dafür waren.

Um das Risiko für weitere Blackouts zu verringern, hat die Stadtverwaltung angeordnet, die Lichter, die normalerweise das Empire State Building und das Chrysler Building in der Nacht illuminieren, ausgeschaltet zu lassen. Auch Lichter auf Brücken und riesige Leuchtreklamen wurden abgeschaltet. Nur die Freiheitsstatue durfte ihre beleuchtete Fackel behalten – damit sich Piloten an ihr orientieren können. Das Gefängnis auf Rykers Island schaltete vorsorglich auf seinen Generator um, überall in der Stadt sorgten Arbeiter dafür, dass alle Notstromaggregate mit Diesel gefüllt und einsatzbereit waren. Die Energieversorgungsgesellschaft Consolidated Edison rief ihre Kunden auf, Computer und Fernseher auszuschalten.

Einen der begehrtesten Jobs haben die Fahrer der Eiscreme-Laster. Zwar liefen die Geschäfte nicht besonders gut, sagt Dino Smaragdas, 23, aus Queens – denn die meisten versuchten, sich drinnen aufzuhalten. Aber wenigstens kühlt der Laster nicht nur die bunten Eismischungen herunter, sondern auch seinen Chauffeur: „Um nichts in der Welt würde ich meinen Job jetzt tauschen wollen.“

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