Welt : "Big Brother": Der Spaß geht weiter

Joachim Huber

Zweifel sind laut geworden; Zweifel, ob John aus Potsdam wirklich der Gewinner der Spielshow "Big Brother" sein kann. "Millionen von Fans" haben sich nach RTL -2-Angaben an der finalen Telefon-Abstimmung beteiligt. Ergebnis: 50,4 stimmten für den arbeitslosen Zimmermann, 49,6 votierten für Jürgen, den Feinblechner aus Köln. Nähere Angaben über das Resultat wollte RTL 2 nicht machen.

Ein Sprecher des Senders dementierte jedoch am Montag Vermutungen vieler Zuschauer, nach denen Überraschungssieger John (26) nur deswegen auf Platz eins gelandet sei, um seine Vermarktungschancen zu verbessern. "Big Brother", das ist für die TV-Firma Endemol ein Geschäft, das über alle Formen und Stufen der Vermarktung ein noch größeres Geschäft werden soll. Der aus Köln stammende Verlierer Jürgen (36), so liegt der Verdacht nahe, habe auch als Zweiter wegen seines lockeren Auftritts bessere Möglichkeiten, Werbeauftritte zu absolvieren, zu singen und zu schauspielern als der eher als "dröge" geltende John. Jürgen galt als der große Favorit unter den zuletzt noch drei Bewohnern des "Big Brother"-Containers.

Und dann gewann John, was gut ist für die Endemolsche Vermarktungs-Maschine. Auf seiner Homepage tönt RTL 2 von einem "echten Herzschlagfinale": "John ist der strahlende Sieger, doch alle 13 Bewohner sind Gewinner." Jürgen wird dann als "der zweite Sieger" verkauft.

Ob das Ergebnis als manipuliert angesehen wird oder nicht, scheint RTL 2 gleichgültig. Wichtig ist anderes: Die 100-Tage-Fernsehshow sollte beim Sender, bei den Teilnehmern und bei den Zuschauern nur Gewinner produzieren, alle sollten profitieren. Jürgen, die "Stimmungsmaschine", wird seinen Schnitt machen, John, nicht gerade ein Entertainer par excellence, braucht Rückenwind. Da helfen überraschende 50,4 Prozent für den Sieg im Finale sehr.

Mit "Big Brother" ist ein neues Fernsehformat geboren worden - mit offiziellen und inoffiziellen Regeln. Manchen Beobachter mag das erstaunen, aber RTL 2 hat beide Regelwerke munter gebrochen - zum Zwecke einer erfolgreichen Quoten-Dramaturgie. Ein Beispiel: Eigentlich hätte Verona Feldbusch niemals 24 Stunden in den Container steigen dürfen, allein die nach Zlatkos Abgang siechenden Zuschauerzahlen erforderten einschneidende Maßnahmen zum Quoten-Hype.

Auch die Nachrücker für freiwillig ausscheidende Kandidaten wurden gezielt vom Sender ausgesucht. Sabrina, die blonde Dachdeckerin, war deswegen die richtige Wahl. Was passieren kann: In den nächsten Tagen und Wochen wird für Gutgläubige klarer und klarer, dass der angebliche "Big Brother"-Wettbewerb kein offenes Rennen, sondern eine mal mehr oder mal weniger perfekt einstudierte Fernseh-Inszenierung war. "Fiktionale Realität" heißt das im Fernseh-Neudeutsch, manches Element ist echt, manches erfunden. Entscheidend wird sein, ob die Konsumenten des Spaß-Fernsehens dem Medium übel nehmen, dass sie stellenweise genasführt wurden, oder ob sie diese Vorführung zum Zwecke ihrer Unterhaltung gutheißen.

Der Erfolg von "Big Brother", gerade in der angebeteten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, hat das Privatfernsehen elektrisiert. Endemol und RTL 2 wollen in den nächsten drei Jahren fünf bis sechs weitere Staffeln von "Big Brother" inszenieren. Hinzu kommen ähnliche Projekte wie die Inselshow "Expedition Robinson", "Gefesselt" und "Der Bus". Sat 1 wird das "Inselduell" veranstalten. Branchenkenner zweifeln allerdings am Wiederholungserfolg der "Big Brother"-Show. Denn die Fließbandproduktion Endemol zeichnete sich in der Vergangenheit zwar häufiger als Trendsetter aus, bot danach aber oft langweilige Konfektion an. So folgten der erfolgreichen "Traumhochzeit" bei RTL Ableger, über die heute keiner mehr spricht. Von der zweiten "Big Brother"-Staffel, die ab September auf RTL 2 und teilweise auch auf RTL gezeigt wird, versprechen sich Sender und Produzent viel, denn die Spielregeln sollen jetzt verschärft werden. Täglich treffen bei Endemol und RTL 2 2000 bis 4000 Bewerbungen von Menschen ein, die bei der nächsten Staffel zu den zehn Ausgewählten gehören möchten.

Jede weitere Extremshow wird von weiterer Kritik begleitet sein. Der SPD-Politiker Kurt Beck, der auch Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder ist, intonierte Kritikfähigkeit. "Ist es wirklich harmlos und folgenlos, wenn Menschen 100 Tage von 28 Kameras und 60 Mikrofonen überwacht werden?", fragte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident. Es sei ein Menschenexperiment, wie es der Wissenschaft nicht erlaubt würde.

Die Kritiker brauchen keine Angst zu haben, dass ihnen der Stoff ausgeht. Bei Sat 1 wird nach Informationen der "Bild am Sonntag" (BamS) demnächst ein echter Millionär zu gewinnen sein. Nach US-Vorbild. Den darf die beste - und blondeste - Bewerberin noch in der Sendung heiraten. Der Spaß hat gerade erst angefangen.

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