Welt : "Big Nudes": Was soll es nur bedeuten

Claudia Gehrke

Eines der schärfsten Bilder von Helmut Newton ist für mich das Foto einer Frau, die den Flügel eines alten Cadillacs zwischen ihre Beine klemmt. Eine Reportage erzählt, wie diese Aufnahme entstand: kaltes Metall, altmodisches Auto und heiße Gedanken beim Betrachter. Die Bewegung der Frau auf das Metall zu, der kurze Moment, in dem diese Kühle auf Hitze stößt. Newton-Bilder "scharf" zu finden, ist feministisch korrekten Frauen verboten. Infolge dessen dürfen sie es höchstens heimlich: das "butchige" Porträt von Sigourney Weaver oder die sich anschmiegenden Schenkel zweier Frauen aus einer Hotelserie, nicht zuletzt die schrillen Dragkings in der italienischen "Vogue".

Wie sieht das Unbewusste aus?



Andere Newton-Bilder lehne ich ab: die mit den totenstarren Gesichtern und der ins Bild gereckten auffordernden Nacktheit oder die an eine Heizung gefesselte Frau, von der man nicht weiß, ob sie noch lebt. Diese Aufnahmen nähern sich zu distanzlos tödlicher Gewalt. Ihnen fehlt die notwendige Differenz zwischen inszenierter, mit den Momenten körperlicher Lust spielender und realer Gewalt. Natürlich sind uns die Bilder Ermordeter permanent präsent. Sie dringen ein ins Unbewusste, wo sie nicht weggesperrt werden können. In Alpträumen und fotografischen Inszenierungen drängt es sie wieder nach draußen. Doch inszeniert Newton tatsächlich das "Unbewusste"?

Die meisten Bilder dieses Fotografen lassen mich gleichgültig. Ein Spiel aus schrillen Farben, edlen Räumen, glatten Körpern, Frauen in Hotels, auf Treppen, in Schwimmbädern, Frauen, die sich zart berühren oder einander exhibitionistische Gesten vorführen, dazu Männer als Staffage, die Frauen betrachten, oder Frauen, die Frauen nachschauen. Dann gibt es wieder Frauen, die vor Männern knien, und umgekehrt. Oder Frauen, die ihre Zigaretten aneinander anzünden. Jedes Detail ist inszeniert. Gewalt entdecke ich seltener, als man es nach mancher Interpretation erwarten könnte. Dafür bleiben Kleinigkeiten haften: ein Po, in den der Rock zwickt, ein blaues Sofa mit einem wunderbaren weiblichen Rückenakt, schließlich die Porträts. Newtons glamouröse Schönheit bleibt distanziert, einfach "kalt". Was aber bedeutet diese "Kälte"?

Newton ist Modefotograf. In der Mode geht es nicht um Individualität, sondern um Form. Diese reine Form gilt in unserer diskursiven und an seelischen Untiefen orientierten Kultur als verdächtig - als inhaltsleer, steril, unlebendig. Bei uns gilt: Ohne Inhalt auch keine Form. In der japanischen Kultur zum Beispiel ist die Form wichtiger als der Inhalt. Verpackungen sind dort eine Kunst. Japanische Kinder lernen hundert Mal einen Text auswendig hersagen; was drin steht, ist egal. Fesselungen sind in Japan Formungen - sie bedeuten nicht Gewalt. Frauen, die sich auf Fotos von Araki kunstvoll einschnüren lassen, wollen Chiffren sein, Buchstaben, pure Form.

Wenig ist bei uns durch Rituale und Formen festgelegt; aus dem riesigen Angebot an Sinn muss jeder immer wieder selbst auswählen, sich permanent entscheiden, was ist gut, was wichtig, was sollte man lernen. Die Frage "Was bringt mir das?", "Was steckt dahinter?" ist alltäglich. In jede Oberfläche wird sofort ein Inhalt hineininterpretiert. So auch bei Newtons Bildern: Es seien Phantasien aus den Tiefen männlicher Obsessionen; es sei ein verdinglichender männlicher Blick. Dass auch Frauen diesen Blick werfen, so es überhaupt einen spezifisch männlichen Blick gibt, ist bekannt. Fotos von Bettina Rheims wirken ebenso "kühl", und Leni Riefenstahls Sportler oder Nubas zeigen die gleiche "verherrlichende" Ästhetik muskulöser Körper wie bei Newton. Seine Bilder scheinen bis ins kleinste Detail choreografierte Form: Muskeln, mit Licht und Schatten modelliert, durch hochhackige Schuhe geformte Füße und gestraffte Körper, erstarrte Bewegungen. Manche Frauen wirken wie die Möbel, die sie umgeben - stilvoll, unbeteiligt, leer.

Ich dagegen möchte auf einem Bild Lust sehen, die eine "wirkliche" Lust der Beteiligten zeigt und keine nach außen gerichtete Coolness, die dem Betrachter als Botschaft mitteilt: Ich stehe nur für dich da draußen, bin nur Körper und kein Individuum. Den "weiblichen Blick", der sich nicht Coolness, sondern Wärme, Gefühl und Individualität in den Bildern wünscht, können natürlich auch männliche Fotografen werfen. Ein solcher Fotograf ist Thomas Karsten, dessen weibliche Modelle den Anschein erwecken, als würden sie lieben. "Love me", "Lust an sich" sind seine Bildbände betitelt.

Wirken diese Bilder, die von der Lust der Beteiligten so direkt erzählen, nicht intimer als Newtons "kalte" Formen? Ist nicht dieses Eindringen in die sinnliche Ausstrahlung sexueller Bilder voyeuristischer als der unbeteiligte Blick auf Newtons unbeteiligte Formensprache? Ist nicht dieses Eindringen in die sinnliche Ausstrahlung sexueller Bilder voyeuristischer als der unbeteiligte Blick auf Newtons unbeteiligte Formensprache? Was heißt eigentlich Voyeurismus? Lust am Zuschauen, wie andere Lust empfinden? Dann wäre der Betrachter von Newtons Bildern wohl kaum ein Voyeur.

Bei Newton ist hinter der Form nichts weiter verborgen. Gegen die europäische Tiefe, die überall eine Seele und darin das Böse vermutet, stellt Newton seine leuchtenden Oberflächen, hinter denen "nichts" steckt. Die Oberfläche ist bereits alles, was er mitzuteilen hat. Dieses Oberflächenspiel kann man auch genießen, ohne permanent nach dem verborgenen Sinn zu forschen. Diese Liebe zur durchformten Oberfläche verbindet seine Bilder mit der japanischen Kultur. Dennoch bewegt er sich natürlich in der europäischen Kultur und Geschichte. So verführt er den Betrachter mit plakativen Bausteinen u. a. aus der Psychoanalyse zu tiefschürfenden Interpretationen. Seine Formensprache hat andere Codes als etwa bei den japanischen Schnürungen. Eine Fußfessel auf einem Newton-Bild erinnert vielmehr an Uniformen, an Gewalt. Wer glaubt, durch Ausschließen solcher Andeutungen die Realität der Gewalt begrenzen zu können, der irrt. Diese Form der Gewalt spielt in sexuellen Phantasien eine Rolle - als Differenz von Macht und Ohnmacht, als "Überwältigung", die zu Lust führen kann. In gelingender Sexualität - im Gegensatz zur selbstverständlich abzulehnenden Vergewaltigung - sind diese Rollen austauschbar, wie auch Newtons Bilder zeigen. In kaum einem seiner Bilder werden Grausamkeiten wirklich ausgeführt; der Fotograf belässt es bei der angedeuteten Kühle. Der in feministischen Analysen vielfach strapazierte Hund "Siegfried" mit seinen gefletschten Zähnen stellt eine Ausnahme dar. Von anderen Fotografen und Fotografinnen stammen weit härtere Bilder (oft als verschärfte Newton-"Zitate"). Krista Beinstein etwa inszeniert die fetischistischen Accessoires und die Spiele mit Macht und Ohnmacht wesentlich "fleischlicher", ebenso bei den Bildern von Frauen mit mechanischen Körperersatzteilen oder Stützkorsagen.

Maschinen mit Seele

Die Begegnung von Haut und Metall, wie im eingangs erwähnten "scharfen" Autobild, vor allem der berühmte "Kuss" mit Maske, erinnern an Bilder von Ausdruckstänzerinnen der 20er Jahre, etwa Man Rays Aufnahme einer Frau, die eine Metallmaske umarmt. Die Lust an der Verbindung von Körper und Nichtkörper, das Wissen, dass der Körper mit Mechanik verküpft ist und nicht nur Oberfläche romantischer Seelentiefe, hat Geschichte. Maschinen wurden beseelt und umgekehrt Körper mit Maschinen verknüpft. Das kalte Metall der Cadillacflosse symbolisiert diese Lust. So finde ich plötzlich inmitten der kühlen Oberflächen viele heiße, beseelte Bilder. Cathy und Judy. "Fräulein Petra" mit den Kissen. Das berühmte "Portrait der Violetta". Eine "German Nude" auf dem Bett mit warmem Achselhaar, zauberhaftem Lächeln und sinnlich geballter Hand. Hat Newton doch auch den angeblich weiblichen Blick? Oder liegt das daran, dass ich, ganz europäisch, seine Bilder mit meinen Sehnsüchten auflade: dem Wunsch nach Berührung und Erregung?

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