Welt : "Bilder lesen": Wenn einem das Sehen vergeht

Bruno Preisendörfer

Auf die Frage, was Menschen von Tieren unterscheidet, wird häufig geantwortet: Die Sprache. Man könnte aber mit gleichem Recht sagen: Die Bilder. Von den Bisons an den Höhlenwänden bis zu den Avataren im Internet haben die Menschen aller Weltgegenden und Epochen Bilder angefertigt, betrachtet, verehrt und mit magischen Ritualen umgeben. Womöglich wird die historische Anthropologie der Zukunft unsere Gegenwart einmal als die Steinzeit der Simulation betrachten, ganz analog zu dem zwischen Herablassung und Ehrfurcht schwankenden Blick, den wir heute auf die "primitiven" Strichmännchen mit Pfeil und Bogen werfen, mit denen unsere Vorfahren ihr Jagdglück beschworen - oder waren es doch nur dekorative Ausschmückungen, Zierrat in den "Wohnzimmern" der Alpha-Tiere unter den ersten Menschenhorden?

Auch heute kann viel weniger zwischen der dekorativen und der rituellen Dimension von Bildgeschehen unterschieden werden, als offensichtlich zu sein scheint. Vielleicht wirft gerade das offen Sichtliche einen verbergenden Blickschatten, auch das Selbstverständliche wird häufig am allerwenigsten verstanden. Beispielsweise lässt sich die rastlose, nahezu zwanghafte Selbstverfilmung vieler moderner Zeitgenossen, das durch nichts zu bremsende Papparazzi-Verhältnis zur eigenen Lebens- und Familiengeschichte überhaupt nicht als "rationale", sondern nur als "magische" Praxis verstehen, als Dauerverschaltung grundprimitiver Impulse mit modernsten technologischen Möglichkeiten.

Es könnte also sein, dass unserer "visuellen Kultur" nicht nur das Hören und vor allem das Lesen vergeht, wie oft und falsch behauptet wird, sondern, und das ist sehr viel wahrscheinlicher, das Sehen selbst. Also müsste das Sehen erst wiederentdeckt werden? Schon vor nahezu dreißig Jahren, als das Fernsehen noch in Truhen stand und eine behagliche Angelegenheit mit zwei, drei Programmen und ohne Fernbedienung war, hat John Berger zusammen mit anderen eine kleine bebilderte Lehrschrift mit dem Titel "Sehen" veröffentlicht, ein kompaktes Trainingsprogramm zur Selbstschulung. In diese Linie könnte man auch Alberto Manguels "Bilder Lesen" stellen, obwohl es sehr viel weniger theoriegeleitet, mit Wonne anekdotisch und mit Lust verplaudert ist.

Wie in seiner bekannten "Geschichte des Lesens", die ebenfalls schon ein Kapitel über das Lesen der Bilder enthält, versteht sich Manguel auch in diesem Bilder-Buch auf einen flotten Konversationston, der den Leser mit sich zieht und ihm gleichzeitig höflich das Gefühl gibt, Herr beziehungsweise Frau der Lage zu sein, was aber durchaus nicht zutrifft. Denn Manguel ist Didaktiker, mit zarter Hand und biegsamem Zeigefinger erzieht er seine Leserschaft. Das stört jedoch nicht weiter, denn die Geschichten, die Manguel zu erzählen hat, sind unterhaltsam, spannend, anrührend, aufklärend, inspirierend. Und nie langweilig. So nimmt man auch die wilde Mischung, die er präsentiert, gern in Kauf: Es kommen das abenteuerliche Leben der kommunistischen Aktivistin und Fotografin Tina Modotti vor, die Frauenschurkereien des bösen Pablo und sein Bild "Guernica", das von Manguel gar nicht gemochte Stelenfeld des Peter Eisenman, die post- oder antibarocken Zumutungen des Wüterichs Caravaggio, das fotorealistische Teufelsbaby der Marianna Gartner - um nur einige der insgesamt elf Kapitel heraus zu greifen, in denen der Autor seine Exempel der Kunst des Sehens statuiert.

In einem Schlusswort kommt Manguel schließlich auf die Subjektivität seiner Auswahl zu sprechen und erinnert noch einmal daran, dass er weder Kunsttheoretiker noch Kunsthistoriker ist, sondern ein leidenschaftlicher Reisender durch die uralte Welt der Bilder, über die er nun eben einen Cicerone ganz nach eigenem Geschmack geschrieben hat. Vertraut man sich ihm an, trifft man viele Leute, hört allerhand Geschichten und denkt manche Gedanken neu. Aber vor allem lernt man, dass auch Sehen gelernt sein will.

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