Welt : Bilder wie Orgien

Der Fotograf Terry Richardson testet die Grenzen der Freizügigkeit – er ist der Liebling der Modewelt

Marcus Müntefering

Wer zu Terry Richardson ins Fotostudio kommt, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Denn Richardson, so etwas wie die Underground-Ausgabe des kürzlich verstorbenen Helmut Newton, fordert von seinen Models maximalen Exhibitionismus: Oft werden sie in Posen gezeigt, die bis an die Grenzen der Pornografie gehen. Was sie aber zu Kunst macht, das ist der überbordende Humor, der sich durch fast alle Bilder Richardsons zieht.

Und weil Richardson so einzigartig ist, steht die Prominenz Schlange, um sich von ihm ablichten zu lassen: So hatte der 39-jährige Fotograf unter anderem Juliette Lewis, Samuel L. Jackson, Sofia Coppola, Dennis Hopper, Kate Moss, Kylie Minogue oder Viggo Mortensen vor der Linse. Hunderte seiner Bilder von Stars und völlig Unbekannten, von überirdisch schönen Models, von Übergewichtigen und Alten sind jetzt in einem kiloschweren Fotoband mit dem Titel „Terryworld“ versammelt.

Und die Welt von Terry Richardson ist alles, nur nicht normal. 1965 als Sohn eines Modefotografen und einer Nachtclubtänzerin geboren, verschlägt es ihn nach der Scheidung der Eltern nach Hollywood. Nach einem schweren Unfall ist seine Mutter nicht mehr dieselbe, kann nicht mehr richtig laufen und muss Windeln tragen. Bereits als Kind macht Richardson erste Erfahrungen mit Pornografie, Alkohol und Drogen: „Ich habe angefangen, Gras zu rauchen, als ich zehn oder elf war. Mit dreizehn habe ich jeden Tag gesoffen“, wird er in „Terryworld“ zitiert.

Für einen wie ihn ist es nur logisch, sich der damals gerade aufkommenden Punkbewegung anzuschließen. Hier kann er seinen Frust in Bands mit Namen wie Middle Finger oder Angered Citizens herausschreien. Und Wut trägt der Punk mehr als genug in sich: 1983 zertrümmert er nach einem Streit mit seiner Mutter das gemeinsame Apartment, wird daraufhin verhaftet. Danach verhilft sein Vater Richardson zu seinen ersten Jobs, als Aushilfe in Fotostudios. Hier lernt Richardson sein Handwerk – und merkt ziemlich schnell, dass er das Talent zum Fotografieren hat: „Da dachte ich mir, das kannst du auch.“ Also beginnt er, seine Kumpels zu fotografieren, Schauspieler wie Alex Winter und Balthazar Getty. Bald hat Richardson erste Aufträge, zunächst zusammen mit seinem Vater, für „Glamour“ oder „Mademoiselle“, dann allein für Avantgardemagazine wie „Vibe“, „The Face“ oder „ID“.

Inzwischen ist Richardsons Ruf bis in die Kreativabteilungen der großen Modehäuser gedrungen, die sich um den eigenwilligen Fotografen reißen, egal ob sie Gucci oder Miu Miu, Tommy Hilfiger oder Hugo Boss heißen. Weltberühmt wurde er allerdings mit freizügigen Bildern für die Benetton-Tochter Sisley, die wegen ihrer sexuellen Anspielungen einen Tabubruch in der Werbung darstellten: „Ich konnte tun und lassen, was zum Teufel ich wollte“, erinnert sich Richardson. „Alles ging um Sexbilder. Ich war immer in der Lage, auf diesem schmalen Grat zu wandern, ohne runterzufallen: Mode zu machen und auch meine unanständigen Bilder.“ Ebenso legendär wie die Kampagne sind die Geschichten, die sich darum ranken. Gerüchte von Sex-Orgien unter den Models machen bis heute die Runde in der Modeszene. Für Richardson nichts Besonderes: „Wenn die Stimmung gut ist, dann schlafen die Models miteinander, wenn sie wollen, manchmal auch jeder mit jedem“, sagte er dem „Stern“.

Und auch er selbst fotografiert mit Vorliebe nackt – häufig Selbstporträts. Das Spiel, gleichzeitig Voyeur und Teilnehmer zu sein, reizt ihn immer wieder aufs Neue – dabei war er noch in seiner Jugend „so schüchtern, dass es wehtat“. Richardson, den Helmut Newton einmal den einzigen lebenden Fotografen nannte, der ihn interessiert, provoziert mit seiner Kunst, er schockiert und überfordert den Betrachter und zwingt ihn dazu, die Grenzen seines eigenen guten Geschmacks auszuloten. Dabei ist er irrsinnig komisch – und manchmal ganz schön sexy.

„Terryworld“ von Terry Richardson,

Taschen Verlag, 288 Seiten, 49,99 €

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