Billigtouristen : Eingeschifft zum Saufen

Kreuzfahrtschiffe bieten wegen der Finanzkrise derzeit massenhaft Preisabschläge. Unerwartete Billigtouristen machen die Reisen dann allerdings zum Albtraum - wie auf dem Luxusliner "Ventura".

Matthias Thibaut[London]
Ventura
Auf der "Ventura" offenbarten sich die Verhaltensunterschiede der britischen Klassengesellschaft. -Foto: dpa

Kreuzfahrtenthusiasten müssen um einen Sittenverfall auf Kreuzfahrten fürchten. Am Dienstag musste das P-&-O- Schiff „Pacific Dawn“ bei voller Fahrt umkehren, um einen betrunkenen Passagier zu retten, der im Übermut vom Schiff gesprungen war. Britische Kreuzfahrtpassagiere sind immer noch außer sich über die Silvesterreise des P-&-O- Schiffs „Ventura“. Die Fahrt in der Karibik geht als eine weitere „Kreuzfahrt aus der Hölle“ in die Annalen ein.

In letzter Minute geworbene Billigtouristen provozierten, wie jetzt bekannt wurde, auf dem Luxusliner einen Klassenkampf, bei dem es nicht nur um Handtuchkriege am Pool ging. „Große, aggressive Gruppen von Leuten tranken eine unheimliche Menge“, berichtete Reiseteilnehmerin Heather Pearce. P&O schaffte erst kürzlich „halbförmliche“ Dinner ab, bei denen sich die klassenbewussteren Kreuzfahrer im Smoking zu Tisch setzten, da brach nun zwischen zwei Familien aus Manchester Streit aus, wer den besseren Champagner trinke.

Vor allem ältere englische Passagiere träumen bei Kreuzfahrten oft noch von den guten alten Kolonialzeiten. Nun gab es offenbar reihenweise Etiketteverstöße durch Billigreisende mit Discount-Tickets. Sie habe vor Monaten gebucht und für vier Personen 8000 Pfund bezahlt, berichtete die 69-jährige Barbara Stone der „Times“. Dann habe sie an Bord gehört, einige Passagiere hätten kurz vor der Abreise nur 900 Pfund pro Person bezahlt. „Ich war auf 14 Kreuzfahrten, aber diese war mit Abstand die schlimmste“, sagte Stone. Passagiere hätten Zigarettenkippen auf niedere Decks geworfen, ohne dass Sicherheitskräfte etwas getan hätten.

Stewards seien von ungezogenen Kindern mit Essen beworfen worden. Man habe sich seines Lebens nicht mehr sicher gefühlt. „Ein 14 Jahre alter Junge war stockbetrunken im Lift. Wir hörten auch, wie ein Streit ausbrach, weil ein Kellner sich weigerte, einem 14-Jährigen Alkohol zu servieren und der Vater des Jungen aggressiv wurde“, sagte Stone. Alkoholausschank an unter 18-jährige ist auch auf der „Ventura“ verboten.

„Jugendliche können Alkohol nur über ihre Eltern erhalten“, betont P&O. Die Reederei bestreitet, Massen mit Billig-Tickets an Bord gelassen zu haben. Es habe nur vier Prozent Stornierungen gegeben, „die schnell ersetzt wurden“.

Zwei Jugendliche wurden in die Arrestzelle der „Ventura“ gesperrt, weil sie versuchten, den Weihnachtsbaum in der Lounge anzuzünden, berichtete Passagier Alan Osborn, der sich in einem sechsseitigen Brief an die P&O beschwerte, und das Schiff mit einem „schwimmenden Benidorm“ verglich. „Benidorm“ ist für Briten das, was Ballermann für die Deutschen ist. Offenbar wurden die Missetäter dann mit einem Hubschrauber von Bord genommen.

Kreuzfahrtunternehmen bangen derzeit wegen der Finanzkrise um Passagiere und bieten massenhaft Preisabschläge von bis zu 50 Prozent an. Die alte Kreuzfahrtelite kann offenbar nicht mehr sicher sein, unter sich zu bleiben. „Es ist nicht, dass unseren Kunden das Geld fehlt. Aber sie fühlen sich schuldig, wenn sie Luxusreisen machen, während so viele andere von der Krise betroffen sind“, kommentierte Verkaufsdirektorin Vickie Freed von Royal Caribbean die Buchungskrise. Mitleid mit den Armen dürfte nicht der einzige Grund sein. Eine Reise unter betrunkenen Rowdys ist für die Luxusklientel ein Albtraum.

Für die Besatzung der Schiffe, die bisher mit angenehmen Gästen verwöhnt war, auch. Als der Kapitän der „Ventura“ am Silvesterabend die Sekunden ins neue Jahr herunterzählte, wurde er laut ausgebuht.

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