Welt : Biometeorologie: Wenn das Wetter in den Wahnsinn treibt

Rolf Degen

Menschen, die behaupten, sie könnten mit Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindelanfällen eine Wetteränderung vorhersagen, werden meist als Spinner oder Hypochonder abgetan. Doch die "Biometeorologie", das Teilgebiet der Wetterkunde, das den Einfluss klimatischer Gegebenheiten auf den lebenden Organismus untersucht, istheute sicher, dass das Heraufziehen feuchter Warmluft oder plötzliche Kaltlufteinbrüche vielen Menschen das Wohlbefinden vermiesen.

Rund ein Drittel aller Deutschen schreibt sich selbst die Diagnose "Wetterfühligkeit" zu. Am besten geht es den Menschen während einer ruhigen Schönwetterlage, bei milder, warm-trockener Luft. Ungemach zieht hingegen bei Wetteränderungen herauf. Bei Wetterwechseln im Frühjahr und Herbst, bei Föhn und "Brise" (Nordostwind) sind überdurchschnittlich viele Klagen zu verzeichnen. Wenn eines der vielen hundert Tiefdruckgebiete mit Warmluftzufuhr und schwüler Hitze vom Westen naht, kommt es besonders dicke: Wenn die Front übers Land zieht, mehren sich Kopfschmerzen und Depressionen, Thrombosen und Schlaflosigkeit, Herzinfarkte und Selbstmorde. Auf der Rückseite des Tiefs machen Angina pectoris, Arthritis und Koliken zu schaffen.

Das häufigste Symptom der Wetterfühligkeit, der Kopfschmerz, wird in vielen Fällen als "Migräne" verkannt. Bei der Migräne, die häufig von durch das Gesichtsfeld wandernden Sehstörungen begleitet wird, laufen neurologische Veränderungen im Bereich der Hirnhäute ab. Die "Migräne" der Wetterfühligen stellt dagegen in der Regel einen "Spannungskopfschmerz" dar. Das ist eine Form von "Brummschädel", die durch verkrampfte Muskeln im Schädelbereich zustande kommt. Besonders wetterfühlig sind Säuglinge und Kinder sowie ältere Menschen ab sechzig, was im Übrigen für die Reaktion auf alle Umweltbelastungen gilt. Frauen setzen Wetterveränderungen stärker zu als Männern. Bis zu den Wechseljahren nimmt die Anzahl der auf Wetterreize reagierenden Frauen auf fünfzig Prozent zu, um dann wieder abzufallen. Stubenhocker und Menschen, die häufig in vollklimatisierten Räumen hausen, werden unverhältnismäßig stark von den Unbilden der Witterungsverhältnisse heimgesucht.

Wetterfühligkeit ist keine Erfindung unserer Zeit. Bereits vor zweieinhalbtausend Jahren warnte der Grieche Hippokrates. "Man sei besonders auf der Hut vor Wetterwechseln und vermeide während dieser Zeit den Aderlass, das Ausbrennen und die Anwendung des Messers." Goethe erwähnt in einem Brief, dass er bei hohem Barometerstand besser arbeiten könne als bei niedrigem und warf in seinem "Faust" die Frage auf: "Sind wir ein Spiel von jedem Druck?" Columbus, Darwin, Johannes Kepler, Blaise Pascal, Leonardo da Vinci und viele andere Geistesgrößen führten ihre Symptome auf die Witterung zurück. Wie das Wetter überhaupt auf Gesundheit und Seele schlägt, ist zum großen Teil noch rätselhaft. "Viele kausale Zusammenhänge sind äußerst kompliziert und deshalb schwer zu entschlüsseln", hebt der Freiburger Biometeorologe Klaus Bucher hervor.

Einige Forscher ziehen Luftdruckänderungen als Erklärung heran. Selbst geringe, durch Stürme ausgelöste Schwankungen ziehen die Konzentration und das Denken in Mitleidenschaft. Andere Wissenschaftler schieben der Luftelektrizität den schwarzen Peter zu. Elektrisch geladene Teilchen (Ionen) in der Atmosphäre beeinflussen demzufolge vor allem bei Föhn oder Gewitter die Produktion des Botenstoffes Serotonin, der eine wichtige Rolle im Gefühlshaushalt spielt. Auch sogenannte Spherics, elektromagnetische Felder, die bei den permanenten Ent- und Aufladevorgängen in den Wolken entstehen, könnten Stimmung und körperliches Befinden trüben. Niemand weiß zur Zeit, ob nicht vielleicht auch die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre einen Einfluss hat.

Bei den Behandlungsmöglichkeiten hat sich seit den Zeiten des Hippokrates nicht viel getan. Sowohl zur Vorbeugung als auch im akuten Falle tragen Ärzte den Wetterfühligen reichlich Bewegung auf. Dazu ist es ratsam, sich nicht übermäßig durch Heizungsluft oder Klimaanlage von den Einflüssen der Atmosphäre abzuschotten, sondern seinen Körper durch Spaziergänge im Freien abzuhärten.

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