• Bislang diente der Nachwuchs als Vorsorge für das Alter. Doch immer mehr Paare sagen sich: Weniger ist mehr

Welt : Bislang diente der Nachwuchs als Vorsorge für das Alter. Doch immer mehr Paare sagen sich: Weniger ist mehr

Rita Neubauer

Elf Kinder großzuziehen, war für Angelina Suarez Duarte nicht nur eine Selbstverständlichkeit sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit: "Meine Mutter hatte acht, meine Großmutter 13. Nur zwei Kinder, und die Verwandtschaft hätte sich gefragt, wer sich um mich kümmert, wenn ich alt bin." Heute vergisst die 64jährige Urgroßmutter schon mal, wieviele Enkel und Urgroßenkel sie hat. Nach längerem Nachrechnen kommt sie auf 44.

Doch ihre Enkelin Angeles, gerade 22 Jahre alt und mit dem ersten Kind schwanger, hat andere Pläne. "Ich möchte meinen Kindern eine gute Schulausbildung bieten. Und das kann ich nur, wenn ich nicht mehr als zwei oder drei habe", sagt sie selbstbewusst. Wie sie denken immer mehr mexikanische Frauen mit einer abgeschlossenen Schulausbildung hinter und einer Berufskarriere vor sich. Sie stellen die Sorge ihrer Großmütter um eine Altersversorgung hintan.

Der Trend zu kleineren Familien kommt für Familienplaner keine Minute zu früh. Seit 1940 hat sich die Bevölkerung verfünffacht und zählt heute 94 Millionen Menschen. Im Jahr 2030, so jüngste Hochrechnungen, wird sie trotz sinkender Kinderzahl immerhin 130 Millionen erreichen. Vor 20 Jahren sahen die Prognosen noch düsterer aus. Damals ging man von 140 Millionen Menschen bereits im Jahr 2000 aus.

Angesichts der Tatsache, dass Mexiko schon lange nicht mehr seine Bevölkerung ernährt und mehrere hunderttausend Menschen jährlich Arbeit über der Grenze in den USA suchen, arbeiten Familienplaner auf ein Bevölkerungswachstum von zwei Prozent hin. Noch 1997 lag es bei 2,2 Prozent.

Eines ihrer stärksten Argumente: mit einem gesunden Wirtschaftswachstum lassen sich zwar jährlich 900 000 Jobs schaffen, weiter strömen jedoch 1,3 Millionen junger Menschen auf den Arbeitsmarkt. Eine geringere Geburtenrate würde diese Zahl auf 650 000 im Jahr 2010 reduzieren.

Hinzu kommt, dass der Druck auf die Umwelt und die natürlichen Resourcen gleichfalls mit einer geringeren Bevölkerungszahl abnimmt. Ob dies auch die illegale Einwanderung in die USA reduziert, ist jedoch fraglich. Denn die Löhne beim nördlichen Nachbarn sind bis zu zehnmal so hoch wie in Mexiko.

Den Bemühungen der Familienplaner zuwider laufen jedoch drei Faktoren: Armut und mangelnde Aufklärung, die vor allem bei der Unterschicht und auf dem Land eine Reduzierung der Kinderzahl erschwert. Die katholische Kirche, die weiterhin gegen empfängnisverhütende Mittel predigt und jede Diskussion über eine Legalisierung von Abtreibungen im Keim erstickt. Und nicht zuletzt der Machismus, der sich in einem reichen Nachwuchs zu beweisen sucht.

Ganz vergessen ist ebensowenig die Sorge der Großmütter. Denn Experten erwarten, dass Mexiko langfristig ähnliche Probleme wie die Industrienationen erhält, wo einer Großzahl alter Menschen nur noch wenige Junge gegenüberstehen. Sie schätzen, dass die Zahl der über 65jährigen von 4,4 Millionen 1998 auf 6,8 Millionen im Jahr 2010 und auf 15,6 Millionen im Jahr 2030 anwächst. Das bedeutet, dass für den Staat die Kosten in Form von Pensionen und Gesundheitsversorgung ansteigen. Erst recht, wenn ein allmählicher Zerfall der Großfamilie stattfindet, die bislang das löchrige soziale Netz des Staates ersetzt.

In den nächsten drei Jahrzehnten jedoch, so erwarten Analytiker, können die Mexikaner vom Trend kleinerer Familien nur profitieren. Denn nicht nur erhalten ihre Kinder eine bessere Schulausbildung und können auf einen größeren Stellenmarkt hoffen, sie haben auch die Chance, Rücklagen zu bilden und zu einem höheren Lebensstandard beizutragen. Vorausgesetzt allerdings, dass es nicht wieder zu einer schweren Finanzkrise wie 1994/95 kommt, die vor allem die Mittelschicht beutelte und rund eine Million Jobs vernichtete.

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