Welt : Bitte recht freundlich

Die Filme des Jahres waren so politisch wie selten – aber bei der Oscar-Verleihung ging Glamour vor

Matthias B. Krause[New York]

Zumindest einen „Cheney“ konnte sich Oscar-Moderator Jon Stewart nicht verkneifen: Die Sängerin Björk sei nicht da, flachste er, weil sie beim Anziehen von Vizepräsident Dick Cheney über den Haufen geschossen worden sei. Ein guter Witz – Cheneys Jagdunfall im Hinterkopf –, wenn man weiß, dass die isländische Musikerin vor Jahren mit einem Schwanen-Kleid in Hollywood Furore machte.

Das war es dann auch schon fast mit den politischen Anspielungen des sonst wegen seiner scharfen Zunge gefürchteten US-Komikers. Obwohl in der vergangenen Saison die Filme so politisch und gesellschaftskritisch waren wie seit Jahren nicht mehr, spiegelte die dreieinhalbstündige Show zur Verleihung der 78. Academy Awards am Sonntagabend in Los Angeles davon wenig wider. Die Mitglieder der Academy demonstrierten ein bemerkenswertes Harmoniebedürfnis: Die sechs Top-Oscars gingen an sechs verschiedene Filme. Nur die politisch hochkontroversen Stücke wie Steven Spielbergs „München“ und den palästinensischen Film „Paradise Now“, der sich mit Selbstmordattentätern beschäftigt, übersahen sie geflissentlich.

Auch die Verlierer benahmen sich anständig. Außer Drehbuchautor Larry McMurty; der grummelte später hinter der Bühne etwas davon, dass Amerika offensichtlich keine schwulen Cowboys möge. Immerhin heimste er mit Kollegin Diana Ossana den Oscar für die beste Drehbuch-Adaption mit „Brokeback Mountain“ ein. Außerdem wurde das Drama für die beste Regie und die beste Filmmusik ausgezeichnet. Am Ende war es George Clooney, der sich als einziger mit dem Oscar in der Hand ein politisches Statement leistete. Als bester Nebendarsteller in „Syriana“ geehrt, reagierte er auf den Vorwurf, Hollywood habe die Bodenhaftung zum übrigen Amerika verloren. „Das ist wahrscheinlich eine gute Sache“, sagte er, „wir waren diejenigen, die über Aids sprachen, als die anderen nur flüsterten. Wir haben über Bürgerrechte gesprochen, als es nicht populär war. Ich bin stolz, ein Teil Hollywoods zu sein, stolz ohne Bodenhaftung zu sein.“ Das Publikum klatschte brav Beifall, offensichtlich erleichtert, auch diesen Programmteil glimpflich überstanden zu haben.

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