• Bittere Aussichten für legendäre Istanbuler Süßspeise: Bekannteste Konditorei der Türkei von der Schließung bedroht

Bittere Aussichten für legendäre Istanbuler Süßspeise : Bekannteste Konditorei der Türkei von der Schließung bedroht

Was den Wienern ihre Sachertorte ist und den Lübeckern ihr Marzipan, das ist Profiterol für die Istanbuler. Seit 1944 verkauft die kleine Konditorei Inci die Süßspeise, und der Laden ist längst eine Legende. Doch nun droht ihm das Aus.

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Die mit Sahne gefüllten und mit einer schweren Schokoladensoße übergossenen Teigkugeln isst man nicht irgendwo. Wenn man den echten Genuss will, geht man zu Inci, einer kleinen Konditorei an der Istiklal Caddesi, der Haupteinkaufsstraße in der Altstadt der türkischen Metropole. Seit 1944 verkauft Inci die Süßspeise, und der Laden ist längst eine Legende. Doch nun droht Inci das Aus: Das Gebäude, in dessen Erdgeschoss die Konditorei untergebracht ist, soll in ein schickes Einkaufszentrum verwandelt werden.

Für Leute wie Fatma Feriha Araytac sind diese Aussichten schockierend. Die elegante 53-jährige Istanbulerin hat ihre künftige Schwiegertochter Esra Gül nach dem Shopping zu Inci geführt, um sie mit Profiterol bekannt zu machen. Jetzt sitzt sie an einem der kleinen Tische der Konditorei, löffelt ihre Portion und blickt sich in dem engen Laden um. "Schon meine Eltern kamen hierher", sagt sie. "Das hier ist Teil unserer Geschichte."

Generationen von Türken haben bei Inci gegessen. An einem Tisch in der Nähe von Araytac erinnert sich Ali Suat Tükel daran, wie es in seiner Jugend war: "Da waren Leute aus Anatolien, die ein- oder zweimal im Jahr nach Istanbul kamen. Und hier wollten sie unbedingt zwei Dinge erledigen: Sie wollten den Bosporus sehen, und sie wollten bei Inci Profiterol essen."

Gegründet wurde Inci von Lukas Zigoridis, einem aus Albanien stammenden Istanbuler. Anfang der 1960er Jahre stellte Zigoridis einen zwölfjährigen Burschen namens Musa Ates ein, der heute 66 ist und Inci leitet. In der Konditorei, deren Name auf Deutsch "Perle" bedeutet, gibt es auch heute nur Profiterol, selbst gemachte Limonade und Wasser, sonst nichts, nicht einmal Kaffee oder Tee. Fertige Portionen stehen stets auf der langen Theke bereit, wo sich die Kunden die Profiterol abholen und an einem Tisch oder im Stehen essen. Dann zahlen sie und gehen wieder. Angestellte löffeln unterdessen neue Portionen auf Teller und stellen sie auf. Dutzende der großen Profiterol-Pyramiden, die in einer Küche hinter der Konditorei täglich frisch angefertigt werden, gehen an einem Tag über die Theke. Selbst an einem normalen Wochentag ist Inci oft voll.

Auch in seinem winzigen Büro in einem versteckten Hinterzimmer, das man nur über eine Leiter erreicht und das mit seinen altertümlichen Telefonen und Möbeln an längst vergangene Zeiten erinnert, lässt Manager Ates gleich eine Portion Profiterol auftischen. "Natürlich esse ich es auch noch jeden Tag", sagt er. "Nicht mehr so viel wie früher, aber immer noch jeden Tag."

Durch ein kleines Fenster hält Ates vom Büro aus ein Auge auf das, was sich unten im Laden tut. "Wir haben Kunden aus allen möglichen Gegenden der Türkei hier, und natürlich auch aus dem Ausland", sagt er. Zusammen mit der Familie Zigoridis, die immer noch Eigentümer von Inci ist, ging er in den vergangenen Jahren mehrmals gerichtlich gegen Nachahmer vor, die mit dem Namen Inci auftraten. "Das Rezept ist uns anvertraut", sagt Ates. Angebote für eine breitere Vermarktung lehnt er ab. "Das können nur wir." Und wenn Inci erst einmal wegsaniert sei, "dann kommt es nicht wieder".

Der altmodische Laden und sein standhafter Manager wirken rührend anachronistisch in einer Zeit, in der Istanbul boomt wie noch nie. Der türkische Wirtschaftsaufschwung bringt immer mehr Menschen am Bosporus ein Maß an Wohlstand, das früher unerreichbar war. Gleichzeitig steigt die Zahl der ausländischen Besucher. Überall in der Altstadt werden alte Gebäude entkernt oder ganz abgerissen, um Neuem Platz zu machen. Nur ein paar Schritte von Inci entfernt wird an einem neuen Einkaufszentrum an der Istiklal gebaut.

Auch der Heimat von Inci soll es an den Kragen gehen. Das aus dem 19. Jahrhundert stammende und von einem französischen Architekten entworfene Gründerzeitgebäude namens "Cercle d’Orient" ist eines der prächtigen Häuser, die an jene Zeit erinnern, als dieser Teil von Istanbul das Zuhause der Europäer in der Stadt war. Schon damals war Beyoglu, wie die Türken den Stadtteil nennen, das Vergnügungsviertel Istanbuls. Im "Cercle" ist neben Inci unter anderem auch ein traditionsreiches Kino untergebracht. Und das Gebäude beherbergte einen Club, dem viele Gründerväter der türkischen Republik angehörten.

Trotzdem hat der Pensionsfonds der türkischen Beamten als Besitzer des "Cercle" das Gebäude an eine Baufirma verpachtet, die jetzt ‚modernisieren’ will. Musa Ates bei Inci hatte schon die Räumungsaufforderung erhalten, als ein Einspruch der Istanbuler Architektenkammer vor Gericht das Unternehmen vorerst stoppte. Der Rechtsstreit dauert an, die nächste Verhandlung ist für Mai angesetzt. Ob Inci am Ende überleben wird, weiß Ates nicht.

Inzwischen formieren sich jedoch mehr und mehr Inci- und "Cercle"-Unterstützer. Im vergangegen Jahr organisierten sie eine Protestkundgebung vor dem Gebäude, auf Facebook gründeten sie eine Gruppe namens "Inci darf nicht geschlossen werden". Die türkischen Zeitungen berichteten ausführlich über das drohende Ende der Legende. Vielleicht hilft der öffentliche Druck ja etwas. "Das hier ist ein Symbol", sagt Inci-Besucher Tükel. "Die haben soviel Unterstützung, die können es am Ende noch schaffen."

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