Björk : Königin der Elfen

Andreas Oswald

Elfen machen komische Geräusche. So heißt es. Elfen sind unberechenbar, das ist verbürgt. Sie tauchen ganz überraschend auf und niemand weiß, was sie im Schilde führen. So gesehen ist Björk keine Elfe, sondern mindestens eine Elfenkönigin.

Heute kommt ihr neues Album auf den Markt, auf das alle Fans mit Spannung gewartet haben - "Vespertine". Im Internet waren bereits Kostproben zu vernehmen, die wahrlich irritierten. Sofort eingängig war Björks Musik noch nie, aber was sie diesmal präsentiert, ist etwas für besondere Genießer, die etwas Zeit und Einfühlung aufbieten können. Da gibt es Geräusche wie aus der Küche, wenn Löffel aufeinanderschlagen, es knistert und kracht und gar mancher fängt vielleicht an, seine Lautsprecher aufzuschrauben, um sie zu reparieren. Knirschender Schnee soll zum Album beigetragen haben und laut "Spiegel" auch die Geräusche, die beim Absaugen von Fett bei einer Schönheitsoperation entstehen. Aber alles ist von höchster Klangqualität und nichts ist Zufall.

Die Fans werden begeistert sein, sind sie doch von der isländischen Musikerin Überraschungen gewohnt. Diesmal gibt es ein Potpurri aus Alltagsgeräuschen, die sie inspiriert haben und elektronischer Musik. Björk kennt keine Grenzen. Und wer so innovativ ist, kann auch das Gejammer der Plattenindustrie nicht ertragen, die die Verbreitung von Musik im Internet beklagt. "Jaja, sterben müssen wir alle", sagt sie lachend dazu. "Allein die Musik ist wichtig. Dass sie überlebt, dafür sorgt schon der menschliche Kreativitätsdrang", zitierte sie die "Hamburger Morgenpost".

Das Erstaunliche ist, dass Björk mit ihren Vorstößen ein Massenpublikum erreicht, das Vorurteilen zufolge eher auf Eingängiges steht. Vielleicht gibt es mehr Menschen, als man denkt, die die Stimmung dieser Frau mitempfinden können, oder magisch davon angezogen werden. Als introvertierte Winterplatte hat Björk ihr neues Album gegenüber dem "Spiegel" bezeichnet, als "Werk eines Menschen, der eingeschneit und abgeschnitten vom Rest der Welt in einem Haus sitzt, während im Kamin das Feuer brennt. Nebenbei liest er aufregende Bücher oder surft mit dem Laptop durch das Internet. Das ist die Stimmung."

Vielleicht die Stimmung von Millionen. Mit ihrer "Laptop-Musik" könnte sich Björk an die Spitze eines Trends setzen. Schon andere Gruppen haben Alltagsgeräusche eingesetzt und das manchmal in einer Art und Weise, die das Trommelfell arg strapazierte. Björk ist etwas sanfter und es könnte sein, dass sie diejenige ist, die es an einer Schnittstelle zwischen Avantgarde und Populärmusik schafft, das eine mit dem anderen zu verbinden und mit immer neuen Mischungen der Stile und Genres die Avantgarde in die Popmusik einfließen zu lassen.

Das einfühlsame Aufgreifen verschiedenster Musikelemente, das ist eine der größten Stärken Björks. Sie ist damit oft einen Schritt eher dran als Madonna, eine weitere Spezialistin auf diesem Gebiet. Doch wichtig ist immer der Zeitpunkt. Wer zuerst da ist, macht nicht unbedingt die meisten Millionen. Aber vielleicht die ersten.

Björk lebt inzwischen in New York, nachdem sie lange Zeit in London gewesen war. Ihr neuer Lebensgefährte ist der Künstler und Filmemacher Matthew Barney. Eigentlich hat Björk ja geschworen, nie wieder Filme machen zu wollen, seit der Erfahrungen mit Lars von Trier und dem preisgekrönten Film "Dancer in the Dark". Mit ihrem neuen Lebensgefährten aber ist der Film nicht weit. Auch Filmfans können also hoffen, weiter auf ihre Kosten zu kommen.

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