BKA-Statistik : Mord im Namen der "Familienehre"

Der Fall Sürücü erregte bundesweit Aufsehen, ist aber längst kein Einzelfall. "Ehrenmorde" kosteten laut BKA in Deutschland binnen eines Jahrzehnts 36 Frauen und zwölf Männer das Leben.

Wiesbaden - 22 weitere Menschen wurden Opfer von Tötungsversuchen, wie aus einer am Freitag veröffentlichten Auswertung des Bundeskriminalamts (BKA) hervorgeht. Von Anfang 1996 bis Mitte 2005 registrierte die Behörde einschließlich der Versuche 55 Fälle, die sich vorwiegend in türkischen Familien abspielten. Meist waren es Väter, Brüder und Mütter der Opfer, die zur Waffe griffen. 50 der 70 Tatverdächtigen und 36 der ebenfalls 70 Opfer waren türkischer Nationalität.

Die Ursachen liegen nach BKA-Erkenntnissen allerdings nicht im Islam, sondern im gesellschaftlichen Hintergrund. Durchgängige Ursache sei eine «starre Verwurzelung in vormodernen agrarischen Wirtschafts- und Sozialstrukturen und damit verbunden ein extrem patriarchalisches Familienverständnis», heißt es in der Auswertung. Im Nahen Osten und in anderen europäischen Ländern gebe es diese Taten auch in christlichen Familien. Charakteristisch sei eine wesentlich vom Verhalten der Frau abhängige Vorstellung von Familienehre.

Folglich waren meist die meisten Opfer (48 von 70) Frauen, die männlichen Opfer waren meist deren Freund oder Geliebter. Bisweilen genügte allein schon ein westlicher Lebensstil als Grund zur Tat. Unter den mutmaßlichen Tätern gab es nur vier Frauen - zwei von ihnen handelten gemeinsam mit männlichen Familienangehörigen. 18 Opfer waren Deutsche, sechs stammten aus Serbien-Montenegro. Auch sieben Tatverdächtige stammten von dort.

Das BKA kommt zu dem Schluss, dass solche Taten Teil der gesellschaftlichen Realität in Deutschland geworden sind. Vorbeugung verlange Zusammenarbeit von Polizei, Jugendamt und Schulen. Mögliche Opfer müssten über ihre Rechte aufgeklärt werden. (tso/dpa)

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