Blacksburg-Massaker : Kritik an Ausstrahlung des Amok-Videos

In einem Video macht der Amokläufer die Gesellschaft für das Massaker verantwortlich. Experten kritisieren, die Ausstrahlung könne Nachahmer auf den Plan rufen.

Washington - Nach seiner ersten Bluttat schickte der 23-jährige Cho Seung-Hui das Paket mit wirren Botschaften zu seinen Motiven an den US-Fernsehsender NBC. In einem Video und einem "Manifest" offenbart der Amokläufer seinen Hass gegen Reiche und erklärt, das Blutbad mit 33 Toten am Montag in der Technischen Staatsuniversität in Blacksburg (Virginia) wäre vermeidbar gewesen.

Experten kritisieren die Ausstrahlung des Films. So kann nach Auffassung des Medienwirkungsforschers Achim Hackenberg von der Freien Universität Berlin die TV-Ausstrahlung von Selbstdarstellungs-Videos wie die des Amokläufers von Virginia schwerwiegende Folgen haben. "Es gibt einen Typus von Trittbrettfahrern, die darauf vielleicht anspringen. Wenn das Potenzial für Nachahmertaten vorhanden ist, kann es durch solche Bilder zum Ausbruch kommen", sagte der Experte. Hackenberg kommt auch zu dem Schluss, der Amokläufer von Virginia habe durch die Ausstrahlung des Videos sein Ziel erreicht. Er entlarve sich aber auch selbst, weil sich offenbare, in welchem geistigen Zustand sich der Täter befunden haben muss.

NBC, der das Päckchen mit dem Video am Mittwochmorgen erhielt und sofort das Bundeskriminalamt FBI informierte, strahlte am Abend (Ortszeit) Ausschnitte aus dem Video aus. Der Student, der sich nach dem Massaker das Leben genommen hatte, sagt in einer Szene: "Ihr habt mich in einer Ecke gedrängt...Jetzt müsst ihr damit leben, dass Blut an euren Händen klebt." Auf elf Fotos ist Cho mit zwei Handfeuerwaffen zu sehen - nach Vermutungen jene, die er bei dem Massaker benutzte.

Cho hatte am Montag in einem Studentenwohnheim der Universität in Blacksburg zunächst zwei Menschen getötet. Fast zweieinhalb Stunden später erschoss er weitere 30 Studenten und Lehrkräfte. Bis zum Bekanntwerden der Postsendung am Mittwochabend war darüber gerätselt worden, warum zwischen beiden Schießereien eine derart lange Zeit verstrich.

Gutachten: Gefahr nur für sich selbst

Wie US-Medien unterdessen berichteten, wurde Cho 2005 von einem Sonderrichter des Staates Virginia für geistesgestört erklärt und im Dezember für kurze Zeit in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Der Sender CNN zitierte aus einem Gerichtspapier, in dem es heißt, Cho stelle eine Gefahr für sich selbst dar. Aufgeführt wird ferner die Feststellung eines Experten, der zufolge der junge Mann auch eine Gefahr für andere sei. Wie US-Medien berichteten, wurde Cho dann aber nach weiteren Gutachten wieder aus der Klinik entlassen.

NBC zufolge wurde das Päckchen am Montag um 9:01 Uhr Ortszeit bei einer Poststelle aufgegeben - etwa eine Stunde und 45 Minuten nach der ersten Schießerei und kurz vor dem folgenden Massaker. Weil es falsch adressiert war, traf es erst am Mittwoch beim Sender ein. Nach NBC-Angaben ist das 1800 Worte umfassende schriftliche "Manifest" über lange Strecken abschweifend und zum Teil unschlüssig. Die 27 Videoclips in der Postsendung zeigten Cho mit Stimmungsschwankungen - manchmal klinge er sanft, manchmal seien seine Äußerungen extrem aggressiv und mit Obszönitäten gespickt.

Anspielungen auf Amok-Pläne

An mehreren Stellen gibt es NBC zufolge verwirrte indirekte Anspielungen auf das geplante Blutbad. So sagt er in einem der ausgestrahlten Videoclips: "Ihr habt hundert Milliarden Chancen und Wege gehabt, heute zu verhindern. Aber ihr habt euch entschieden, mein Blut zu vergießen...".

Bereits zuvor hatten Dozenten und Mitstudenten berichtet, dass es vor der Bluttat viele Anzeichen auf ein gestörtes Verhalten des späteren Täters gegeben habe. So hatte sich unter anderem die Direktorin einer Abteilung wegen makabrer Gedichte und Theaterstücke voller Gewalt-, Sexual- und Todesfantasien an die Polizei gewandt. (tso/dpa)

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