"Blaues Blut" : Wer ist der Adel?

Er führt gerne, aber auch mal in die Irre. Seine Vergangenheit ist nicht blütenrein. Einflussreich ist er und meist gut zu erkennen. Dabei gibt es ihn eigentlich gar nicht mehr.

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Alter Glanz. Die preußische Königskrone aus dem Jahr 1889, die der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. in Auftrag gegeben, aber nie getragen hat.
Alter Glanz. Die preußische Königskrone aus dem Jahr 1889, die der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. in Auftrag gegeben, aber nie...Foto: picture-alliance/ dpa

WAS BEDEUTET ADEL HEUTE?

Im Prinzip nichts. Rechtlich gibt es ihn in Deutschland nicht mehr, seit er durch die Weimarer Verfassung abgeschafft wurde. Die früheren Adelstitel sind heute nur noch nachgestellte Namensbestandteile, eine „Fürstin Gloria“ beispielsweise existiert nicht. Sie heißt Gloria Prinzessin zu Thurn und Taxis. Der Verteidigungsminister heißt Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg – der Freiherr stellt ihn rechtlich nicht höher als seine zahlreichen anderen Vornamen. Die kostenpflichtigen Umtriebe gewisser Adoptionsartisten und Titelhändler begründen also nichts als den wahrscheinlichen Einzug ihrer Kunden in die bunten Illustrierten. Und die „Chefs“ der Adelshäuser wie der „Welfen-Chef“ Ernst-August sind dies nur aufgrund familieninterner Hausgesetze. Insofern ist der Adel als gesellschaftliche Kategorie im heutigen Deutschland eine Erfindung der Regenbogenpresse – und wohl deshalb höchst lebendig.

WELCHE RÄNGE HAT DER ADEL?

Kaiser, Könige, Herzöge, Fürsten und bessergestellte Grafen bildeten den Hochadel, Grafen, Freiherren und Ritter bis zum Adel ohne Titel, den wir nur noch an einem „von“ vor dem Namen erkennen, den niederen Adel. Als „Uradel“ bezeichnet man Familien, deren Abstammung über das Jahr 1350 hinaus oft bis zu Karl dem Großen reicht – später adelten Kaiser und Könige ihre Getreuen durch einen Adelsbrief, und es entstand der weniger hoch angesehene Briefadel.

WOHER KOMMT DER ADEL?

In Europa lassen sich in schriftlichen Quellen keine Epochen ohne Adel im Sinne vererbbarer Herrschaft nachweisen. Als Entstehungsgrund in allen vorindustriellen Kulturen gelten militärische Erfolge und wirtschaftliche Stärke, aus denen sich der Anspruch auf Führung ergab. Durch die nach und nach eingeführte Vererbbarkeit der Titel bildete sich der Adel als führende Gesellschaftsschicht. In den meisten europäischen Kulturen begann sein Aufstieg mit der Überwindung der frühmittelalterlichen Stammesstrukturen: Die neuen Herrscher musste ihre Macht durch stammesunabhängige Ministeriale absichern, die in den Adelsrang aufstiegen und mit Lehen, meist in Form von Ländereien, bedacht wurden. Später wandelte sich der Adel zur kriegerischen, über Ländereien und unfreie Bauern herrschenden Schicht, bis er während des Absolutismus den Höhepunkt seines Einflusses erreichte. Adelsrang im Schnelldurchlauf erwarb sich zuletzt der Korse Napoleon Bonaparte, der es vom republikanischen Soldaten zum General brachte und sich später zum erblichen Kaiser krönte. Mit der französischen Revolution begann der Abstieg. Dennoch bildet der Adel auch heute noch eine recht geschlossene Schicht mit eigenen Lebensformen und einem hoch entwickelten Standesbewusstsein, das sich auch immer wieder in der Wahl der Ehepartner zeigt.

WIE REAGIERTE DER ADEL AUF REPUBLIK UND INDUSTRIALISIERUNG?

Während der Adel in Frankreich und England seine Söhne in die neuen bürgerlichen Herrschaftsberufe, in Banken, Politik und Finanzwesen schickte, versuchte er in Preußen, am alten Lebensstil festzuhalten. Das Ergebnis: ein Adelsproletariat ohne Ausbildung und Einkommen, empfänglich für radikale Heilsversprechen.

WIE HAT SICH DER ADEL IN DER NAZI-ZEIT VERHALTEN?

Höchst unterschiedlich. Schon im Kaiserreich teilten völkische Bewegungen und Teile des Adels den Antisemitismus, nach dem Ersten Weltkrieg trafen sie sich im militärischen Milieu und agitierten gemeinsam gegen den Sozialismus und die organisierte Arbeiterschaft, später auch gegen die Weimarer Verfassung und die Folgen des Versailler Vertrags. Viele jüngere Adlige sahen die SS als künftige Elite an und sympathisierten mit ihr, Ältere verachteten zwar Hitler, glaubten aber, er könne ihnen den Kaiser zurückbringen. Auch der diplomatische Dienst entfaltete traditionell eine große Anziehungskraft auf weltgewandte und parkettsichere Adlige – damit waren sie in das Herrschaftssystem eingebunden und wurden zu Helfern der Nazi-Verbrechen, wie die derzeitige Debatte über die Rolle des Außenamts bei der Judenvernichtung zeigt. Allerdings sind in vielen Familien einige zu den Nazis übergelaufen, während andere im Widerstand aktiv waren. Der Adel als geschlossenes, informell organisiertes Milieu konnte konspirieren und ließ sich von den Nazis kaum unterwandern oder zerschlagen.

WOVON LEBT DER ADEL?

Meist nicht von märchenhaftem Reichtum. Schon deutsche Kaiser saßen bisweilen verarmt auf ihren ungeheizten Schlössern, ließen bei den Fuggern anschreiben oder saßen wie Karl V. lebenslang auf den Schulden, die sie für ihre Wahl angehäuft hatten. Heute ist anzunehmen, dass der Besitz von Kunstschätzen, Ländereien und historischen Immobilien unter deutschen Adelsfamilien verbreiteter ist als in der Bevölkerung insgesamt. Aber vor allem Schlösser und Wälder verursachen mehr Kosten, als sie Geld einbringen: Als der Orkan „Wiebke“ 1990 den Hauswald der Familie Guttenberg flach legte, ging das an die Wurzeln der Existenz. Schloss Guttenberg – nahe Kulmbach in Franken – ist seit 2008 Eigentum einer in Österreich angesiedelten Stiftung, mit der sich die Familie gewissermaßen selbst enteignet hat. Damit sollte der Stammsitz der Familie vor Erbstreitigkeiten geschützt werden, sagt Philipp zu Guttenberg. Der Minister, sein Bruder, ist an der Stiftung nicht beteiligt, besitzt aber einen Anteil des sonstigen Familienvermögens – er wird den 300 reichsten Deutschen zugerechnet. Ähnlich wie bei den Welfen ist daher nicht anzunehmen, dass einer der Guttenbergs irgendwann den Sozialsystemen zur Last fällt. Den Angehörigen weniger bekannter und begüterter Adelsfamilien dürfte dies durchaus schon passiert sein. Falls durch Familienbesitz ein regelmäßiges Einkommen anfällt, wird es oft noch als Apanage an die Familienmitglieder verteilt. Apanage ist traditionell die Abfindung nicht regierender Adliger, die ihnen einen standesgemäßen Lebenswandel erlauben soll.

WAS ERWARTEN WIR VOM ADEL?

Vorbilder, Stil und gelegentliche Exzesse. Denn es gibt zwei vorgefasste Meinungen über den Adel. Eine besagt, dass es sich bei Adligen um unabhängige Persönlichkeiten handelt, die sich durch Souveränität und Charakterfestigkeit vom normalen Volk abheben und mithin das Gegenbild des machtgierigen Aufsteigers darstellen, der gegenwärtig Finanzen und Politik zu bestimmen scheint. Die andere, negative Meinung nimmt an, dass sich Adel in angemaßten Privilegien niederschlägt, wenn nicht gar in Jähzorn oder Geistesschwäche als Ergebnis jahrhundertelanger Inzucht. Für all dies gibt es einzelne Belege, aber es dürfte sich, insgesamt gesehen, um Legenden handeln.

UND DAS BLAUE BLUT …

wird unterschiedlich erklärt. Die verbreitete spanische Version besagt, dass der dortige Adel von den Westgoten abstammte und sich durch seine helle Haut vom übrigen Volk unterschied, das sich mit den dunkelhäutigen maurischen Herrschern gemischt hatte. Und durch die helle Haut war das in den blau schimmernden Adern pulsierende Blut zu sehen.

IST DER ADEL WIEDER IM KOMMEN?

Warum sollte er? Erstens gibt es ihn nicht mehr (siehe erste Frage). Zweitens fokussiert sich das gegenwärtige Interesse im Wesentlichen auf den Verteidigungsminister; er ist die Lichtgestalt, die kraft ihrer Unabhängigkeit und Souveränität als Projektionsfläche für die politik- und politikermüden Deutschen herhalten muss. Mit seiner – irgendwann unumgänglichen – Entzauberung dürfte sich das Thema erledigen. Andere Adlige, die herausragende Funktionen in Wirtschaft oder Politik übernehmen könnten, mag es geben, etwa den FDP-Europaparlamentarier Alexander Graf Lambsdorff, aber es sind wenige. Die tragende Rolle des Adels in der Regenbogenpresse ist davon unberührt, solange expressive Persönlichkeiten wie Ernst August von Hannover immer wieder von sich reden machen.

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