Welt : "Bleiweiß": Ach, wer bin ich bloß

Stephan Pabst

Seit einiger Zeit ist das deutsche Feuilleton auf der Suche nach einem Jahrhundertroman, einem Buch, das passend zum Datum die Summe zieht aus den deutschen Katastrophen, das den alten Deutschen und den neuen Deutschen und den ganz alten Deutschen gerecht wird, in dem alle vorkommen, schön der Reihe nach, vom Kaiserreich bis zum Mauerfall, ein Roman, der der Union der Währung die Union des deutschen Gedächtnisses folgen lässt, kurz: eine handliche deutsche Geschichtserzählung. Hier trifft sich die Bedürftigkeit des Feuilletons mit den Feiertagsreden von Bundestagspräsidenten. Beide haben es schrecklich eilig, sich die definitive Deutschstunde des vergangenen Jahrhunderts geben zu lassen.

Die Tante aus dem Kaiserreich

In ihrem zweiten Roman "Bleiweiß", für den sie am 7. Dezember letzten Jahres in Mainz den Gerty-Spies-Preis für gesellschaftspolitische Literatur erhielt, nimmt sich die im pfälzischen St. Martin lebende Gabriele Weingartner dieser Bedürftigkeit an. Folke, der Nachfahre eines Großindustriellen, der im Westteil Deutschlands groß geworden war und das ostdeutsche Leewenstein nur als Sommergast seiner Großmutter kennen gelernt hatte, kehrt an den Ort seiner unbeschwerteren Kindheit zurück.

Zwei Hoffnungen verbinden sich mit dieser Rückkehr: Er will das Anwesen der Großeltern kaufen, und er will herausbekommen, "wer er überhaupt war". Und diese Suche nach Besitz und Identität im Nachwendeosten gerät natürlich zum deutschen Erinnerungsstück: die Liebesgeschichte der Tante im Kaiserreich, die bildungsbürgerlichherrschaftlich auftretende Großmutter, die den nationalsozialistischen Vernichtungsprogrammen mehr oder minder ausdrücklich zustimmte, die Mutter, die nach Leewenstein jährlich zurückkehrt, um ihre Affäre mit dem ehemaligen Hitlerjungen und jetzigen Streckenarbeiter Horst fortzusetzen.

So, meint Gabriele Weingartner, verdichtet sich die Geschichte in der Biografie, "wenn sich private Ereignisse derart nahtlos an historische Fakten knüpfen lassen". Dass die Gleichung dieser poetologischen Selbstreflexion ebenso nahtlos aufgeht, liegt freilich daran, dass die Biografie Folkes selbst zum historischen Klischee geworden ist. Es kommt eben alles darin vor, ohne dass daraus eine eigene Erzählung würde.

Mit dem Ordnungssinn deutscher Quotengerechtigkeit räumt Weingartner fast auf die Seite genau den zweiten Teil dieser Erinnerungssuche Ernst Maletzke ein. Ernst ist ostdeutsch, behindert, arbeitslos und immer schon der Zukurzgekommene gewesen. Mit seinem Sohn, der - was hier kaum anders zu erwarten war - rechtsradikal "aussieht", bewohnt er die entlegenen, ruinösen Winkel des verfallenen großbürgerlichen Anwesens. Die Kindheitserinnerungen Ernsts, der als Sohn proletarischer Umsiedler schon immer ein Störfaktor in der bürgerlichen Sommerfrische war, nimmt sich freilich bei weitem unfreundlicher aus. Und Folkes Versuch, sich das "Paradies" der Kindheit in jedem Sinne des Wortes anzueignen, wird vom anderen Teil des deutschen Gedächtnisses, als der Ernst auftritt, durchkreuzt. Denn die Außenseiterstellung, die ihn zwangsläufig zum Voyeur werden ließ, versetzt ihn in die Lage, Folke über die Geheimnisse seiner Mutter und die damit verbundenen Neuigkeiten über seine Herkunft in Kenntnis zu setzen. Denn Folke ist nicht, wie er bislang angenommen haben mochte, der Sohn eines westdeutschen Brandschutzexperten, sondern der Sohn des ostdeutschen Streckenarbeiters Horst. Ob Folke dieser neuen Version seiner eigenen Geschichte traut, bleibt unklar. Die Frage nach der deutschen Einheit wird zum Kampf um die Erinnerung, um die deutsche Geschichte, da der Ostdeutsche den Westdeutschen nur mit vorgehaltener Waffe dazu bewegen kann, sich eine andere Variante von ihr anzuhören.

Der Roman bereitet keinen Charakteren, sondern inkarnierten Vorurteilen die Bühne. Ernst Maletzke und sein rechtsradikal "aussehender" Sohn scheinen weniger genauer Beobachtung, als der Lektüre stark polarisierender Zeitungsartikel über die neuen Bundesländer entsprungen zu sein. Sicher, Gabriele Weingartner wirbt um Verständnis für beide Seiten der deutschen Erinnerung. Aber sie tut dies auf der Grundlage einer derart simplifizierenden Figurengestaltung, die das gut gemeinte Verständnis selbst zum Vorurteil werden lässt.

Der Mangel an genauer Beobachtung macht sich denn auch stilistisch im Text bemerkbar: Stimmen können vor Aufregung zittern, sie können auch schwanken, aber sie schwanken nicht um "zwei Oktaven". Dielen können sicher so morsch sein, daß man durch sie hindurchfällt, aber nicht so morsch, dass man in ihnen "stecken bleibt". Und schließlich kann man sich kaum vorstellen, wie Folkes Großmutter Beethovens Appassionata "klimpert".

Wodka und Metaphysik

An derartigen Patzern dokumentiert sich allein der Wille zum anschaulichen Erzählen und foppt, wenngleich ungewollt, das Vorstellungsvermögen des Lesers. Ohne Rücksicht auf das Profil ihrer Figuren läßt Weingartner den durch und durch proletarischen Ernst nach einer Flasche Wodka von Tristan und Isolde reden, Nabokov zitieren und über die "metaphysische Dimension" der Liebe sinnieren.

Und Folke, der ausgezogen war, um sich selbst zu suchen, findet eine Binsenwahrheit: "Ach, das Paradies ließ sich nicht wiedergewinnen, auch wenn er im Begriffe stand, es käuflich zu erwerben."

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