Welt : Blinde Liebe

Der britische Innenminister David Blunkett kämpft in einer Affäre, in der er nur verlieren kann

Matthias Thibaut[London]

Eigentlich hätte Großbritanniens Innenminister David Blunkett gestern das neue Personalausweisgesetz vorstellen sollen. Doch er beließ es bei einem kurzen Fototermin mit seiner ständigen Begleiterin, der Blindenhündin Sadie. Keine Journalistenfragen über die Liebesaffäre, die England bewegt. Keine Fragen, wann er den Hut nehmen wird. Dafür sprang Premier Blair in die Bresche. „Auch Politiker haben ein Recht auf ein Privatleben“, sagte der auf einer Pressekonferenz.

Aber Blair wusste, dass es für Blunkett damit vorbei ist. Einer seiner wichtigsten Minister ist in einen Skandal der ersten Ordnung verwickelt. Nicht wegen einer Liebesaffäre natürlich, nein, Blunkett wird vorgeworfen, dem philippinischen Kindermädchen seiner Ex-Geliebten im Schnellverfahren zu einer Aufenthaltsgenehmigung verholfen zu haben. Das wäre Amtsmissbrauch. Die Sache ist umso pikanter, als es vermutlich Blunketts Ex-Freundin war, die den Vorwurf in der Öffentlichkeit lancierte. Seine Ex-Freundin, die mutmaßliche Mutter seiner unehelichen Kinder, eine verheiratete Frau.

Als die „News of the World“ im August über Blunketts Liebesaffäre mit der verheirateten Publizistin Kimberley Quinn berichtete, ignorierten die seriöseren Zeitungen die Geschichte. Das habe mit Politik nichts zu tun, entschieden sie, wohl wissend, dass der von Kindheit an blinde Blunkett bei den Briten einen Sympathiebonus hat. Er hat sich mit Ehrgeiz, Talent und der Dickköpfigkeit eines „Yorkshire Man“ aus einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet. Den Vater verlor Blunkett, als der bei einem schrecklichen Betriebsunfall in einen Kessel mit kochendem Wasser fiel. Er musste sich durch die Blindenschule kämpfen, hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und ist, glauben die Medien, ein bisschen einsam. Solange Blunkett und Sadie ihr schweres Arbeitspensum bewältigen – warum soll man ihm nicht ein bisschen mehr privates Glück gönnen, glaubten die Briten.

Doch dann ging die Liebesaffäre mit Kimberley Quinn zu Ende, und es war der Minister selbst, der nicht locker ließ. Es tauchten Geschichten auf, wonach Bunkett vor Gericht ziehen und eine DNS-Analyse erzwingen wolle, um zu beweisen, dass er der Vater des zweijährigen William Quinn sei – und möglicherweise des Babys, das die wieder hochschwangere Ex-Freundin Kimberley im Januar bekommen soll. Deren Ehemann Stephen wurde unterdessen fotografiert, wie er den kleinen William im Kinderwagen um den Block seiner teuren Wohnung in Mayfair schob. Er werde um seine Kinder kämpfen, sagte er der „Sunday Times“. Auch um das Ungeborene. Seiner Frau habe er den Seitensprung verziehen. Drei Jahre lang nahm niemand die Möglichkeit so richtig ernst, dass den 57-jährigen Labour-Innenminister mit seinem Stoppelbart und seinen zerknitterten Anzügen und die elegante 44-jährige Kimberley Fortier, wie sie damals hieß, mehr als eine Freundschaft verbinden könnte. Bestimmt nicht Stephen Quinn, Herausgeber von „Vogue“, ein bedeutender Mann beim internationalen Glamour-Verlag Condé Nast. Kimberley, aus reichster kalifornischer Familie, Ex-Gattin des amerikanischen Finanziers Michael Fortier und erfolgreiche Karrierepublizistin bei Condé Nast, hatte sich doch eben erst auf Stephen, ihren neuen Chef „eingeschossen wie eine Excozet-Rakete“, berichten Eingeweihte. Stephen Quinn, 60 Jahre alt, mächtig, geschieden, ein bisschen vereinsamt vielleicht, war genau, was Kimberley so vorschwebte. „Sie sammelt interessante, mächtige Männer“, sagte Kimberleys Ex-Gatte Michael Fortier. Quinn und Kimberley heirateten. Einen Rivalen sah der frisch gebackene Ehemann in dem blinden Innenminister nicht. Doch immer wieder wurde Kimberley an der Seite Blunketts gesehen. Der Minister trug plötzlich maßgeschneiderte Anzüge, trat überhaupt viel eleganter auf. Man sah ihn öfters auf Partys. Dann war er gelöst und lachte viel. Er war über beide Ohren verliebt. Bis die Sache im August in die Brüche ging.

Was nun berichtet wird, ist die Folge einer Liebesaffäre, die zu Ende ist, und die Blunkett nicht loslassen will. Schon vor einem Jahr, so berichtete der „Sunday Telegraph“, habe eine privat durchgeführte DNS-Analyse bestätigt, dass Blunkett der Vater des kleinen William ist. Doch dessen Insistieren auf seinen Vaterschaftsrechten brachte die Quinns in eine unangenehme Situation. Und so wurde die Sache plötzlich politisch.

Der „Sunday Telegraph“ ließ die Bombe platzen – eine Zeitung, die dem „Spectator“ und damit den Quinns nahe steht – und dessen Chefredakteur Boris Johnson nebenbei selbst gerade erst wegen eines unwahrheitsgemäß verleugneten Seitensprungs sein Amt im konservativen Schattenkabinett verlor. Der „Telegraph“ wartet nun mit einer ganzen Reihe von Vorwürfen gegen Blunkett auf. Er habe Kimberley in seinem Ministerwagen durch halb England chauffieren lassen, einen Polizisten zur Bewachung ihres Hauses abgestellt, ihr teure Eisenbahntickets gegeben, die eigentlich für Partner und Ehefrauen vorgesehen sind. Entscheidend ist der Vorwurf, Blunkett habe bei der Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis für Kindermädchen Leoncia Casalme nachgeholfen – und den Pass von seinem Chauffeur abholen lassen.

Blunkett bestreitet das und hat eine unabhängige Untersuchung gegen sich eingeleitet, um seine Integrität zu beweisen. Aber wird es seinen Hals retten? „Erpressung“ schrieb die „ Sun“, die sich auf die Seite des Ministers geschlagen hat. Der „Daily Express“ hält es mit den Quinns und schrieb: „Wie lange sollen wir uns noch von einem Mann herumkommandieren lassen, der eine Ehe und zwei Kinder öffentlich so bloßstellt?“

Seit der konservative Handelsminister Cecil Parkinson 1983 wegen eines unehelichen Kindes den Dienst quittieren musste, ist die Moral in England lockerer geworden. Aber wegen eines möglicherweise begünstigten Einwanderungsantrags sind schon mehrere Labour-Minister gescheitert. Oft reicht in solchen Affären der bloße Verdacht. Blunkett und Blindenhündin Sadie werden sich mächtig anstrengen müssen.

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