Welt : Bloß keine Einladung

In Israel ruinieren Hochzeiten nicht nur die Brauteltern sondern auch die Gäste

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Heiraten kann in den Ruin führen. In Israel gilt das nicht nur für die Eltern von Braut und Bräutigam sondern auch für die Gäste. „Ich will die Scheidung“, sagte die Braut und verbrachte die Hochzeitsnacht zu Hause bei Mama. Achtzig Minuten Ehe hatten in einer Saalschlacht geendet. Nach der Trauung unter dem Baldachin, der Verköstigung der Gäste, der Beschallung zum Tanz, der Verabschiedung der Gäste folgte der Höhepunkt der Hochzeit für die Familien: Die Umschläge mit den Schecks wurden geöffnet. Das neue Ehepaar sollte damit die Rechnung des Festsaalbesitzers begleichen, den Rest der Kosten wollten sich die Eltern des Brautpaars teilen. Das scheiterte am Veto der Brauteltern. Den Segenssprüchen des Rabbi folgten gegenseitige Verfluchungen der beiden Familien. Fäuste flogen, Tränen flossen. Begreiflich, denn es ging bei der Eheschließung um viel Geld.

Heiraten ist zwar auch in Israel meist romantisch, die Hochzeit aber immer teuer. Israel verfügt über eine einzigartige Heirats-Industrie, deren angebliches Ziel es ist, „der Braut ein unvergessliches Erlebnis“ zu bieten. Mehr als 100000 Schekel, knapp 20000 Euro, kostet eine solche Hochzeit – im Durchschnitt! Vor der letzten Wirtschaftskrise, waren 400 bis 600 Gäste die Norm, heute sind es 300 bis 350 – bei gleichen Kosten. Familie, Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Geschäftspartner, Arbeitskollegen: nicht nur des Hochzeitspaares, sondern auch der beiden Elternpaare, der Großeltern und der Geschwister – niemand entgeht den Einladungen.

War es früher üblich, ein günstig erworbenes Geschenk mitzubringen, so sind heute Schecks üblich. Das erlaubt dem Paar auszurechnen, ob sich die Hochzeit rentiert hat. Wer zu wenig zahlt, bekommt es bei Hochzeiten in der eigenen Familie heimgezahlt: Die beleidigten Angehörigen der Sippe schreiben eine – im Vergleich zum erhaltenen Scheck – um einen einzigen Schekel höhere Summe auf. Um solche Blamagen zu verhindern notieren die meisten vorsichtshalber eine unvernünftig hohe Summe auf dem Scheck. Gerade jetzt, nach Ablauf des Omer, der siebenwöchigen Trauerperiode für die Zerstörung des biblischen Tempels, in der nicht geheiratet werden darf, hagelt es Einladungen. Allein in der ersten Nacht danach wurde landesweit 700 Mal geheiratet! 360 bis 500 Schekel sind die Normbeträge, welche ein Hochzeitsgastpaar zu schenken hat. Je näher man dem Brautpaar verwandtschaftlich steht, desto tiefer gilt es in die eigene leere Tasche zu greifen: 1000 Schekel sind keine Seltenheit. Dies bei einem Durchschnitts-Bruttolohn von 7200 Schekel, netto etwa die Hälfte.

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