Welt : Bloß nicht dick werden

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Von Imke Schridde

Die neunjährige Janna ist zum Kindergeburtstag ihrer besten Freundin eingeladen. Doch den Kuchen an der bunt geschmückten Kaffeetafel lehnt sie höflich lächelnd ab. Selbst das am späten Nachmittag zur Abkühlung bereitgestellte Eis lässt sie nicht weich werden. Janna ist auf Diät. Freiwillig. Beim Abendbrot nippt sie ein wenig am Nudelsalat, pickt sich die in kleine Stücke geschnittenen Tomaten heraus. Janna ist ein zierliches Mädchen, das von ihren Klassenkameradinnen wegen ihrer langen Haare und der sommersprossigen Stupsnase beneidet wird.

Janna ist kein Ausnahmefall. Rund ein Viertel der unter zehn Jahre alten Mädchen hat schon einmal eine Diät gemacht – oder auch mehrere. Haargenau wissen sie, was dick macht, und was nicht. Selbst bei Vierjährigen komme es bereits zu Nahrungsverweigerung und Essstörungen, berichtet Cornelia Götz-Kühne, Vorsitzende des Bundesfachverbandes Essstörungen. In diesem Alter spiele die Identifikation mit den Älteren eine große Rolle, fügt sie hinzu. Die Kleinen orientieren sich am Essverhalten der Mutter, der älteren Schwester oder der Erzieherinnen, die immer häufiger selbst ein essgestörtes Verhalten aufweisen, so Jutta Kolletzki, psychotherapeutische Beraterin für Essstörungen in Frankfurt am Main.

Anfang der 80er Jahre wurde die Essbrechsucht (Bulimie) erstmals öffentlich benannt. Seitdem ist die Zahl der Krankheitsfälle mit Essstörungen kontinuierlich angestiegen. „Die Frauen, die damals Mädchen waren, sind die Mütter von heute", so Götz-Kühne. In den Familien würden Kinder zunehmend mit essgestörtem Verhalten konfrontiert und kopieren es. „Es gibt Familien, in denen alle morgens vor dem Frühstück auf die Waage steigen", erzählt Götz-Kühne. Das Gewicht der Einzelnen sei dann Thema Nummer eins bei der ersten und wichtigsten Mahlzeit des Tages.

Die Mütter haben teilweise große Angst davor, dass ihre Kinder dick würden. Schon früh trichtern sie ihren Sprösslingen deshalb ein, wie hässlich es sei, dick zu sein. So verinnerlichen die Kleinen das Thema bereits im Kindergartenalter: „Bloß nicht dick werden", lautet das Motto.

In der Vorpubertät werden viele Jugendliche, und gerade Mädchen, noch einmal etwas pummelig, erklärt Götz-Kühne. Das sei ganz normal. In diesem Lebensabschnitt sei die Unsicherheit hinsichtlich der eigenen Person aber besonders groß: Mögen mich die anderen? Werde ich so akzeptiert wie ich bin? Die kleinste Anspielung auf die Veränderungen ihres Körpers kann sie zutiefst kränken. Sie rebellieren mit Hungern oder Erbrechen gegen die sich ankündigenden, neuen Formen ihres Körpers. Bereits kleine Diäten können dann schnell zu krankhaften Essstörungen führen, so Götz-Kühne. Da der Übergang zu einer krankhaften Essstörung schleichend sei, sei hier vor allem die Sensibilisierung der Familien notwendig.

Jährlich erkranken in Deutschland 1, 9 Millionen Menschen bereits im Kindes- und Jugendlichenalter an einer mitunter lebensgefährlichen Essbrechsucht oder Magersucht (Anorexie). Mittlerweile seien nicht mehr nur Mädchen betroffen, so Götz-Kühne. Der Anteil von unter Essstörungen leidenden Jungen liege bei zehn Prozent. Doch sei die Dunkelziffer hier besonders hoch, da Magersucht zunächst als „Frauenkrankheit" bekannt ist. Lehrer beobachten, dass es zwischen Mädchen und Jungen kaum mehr einen Unterschied gebe, was die Bedeutung des Aussehens betrifft. Auch bei den Jungen mache sich der Körperkult bemerkbar.

Schon bei kleinen Kindern gebe es ein Bewusstsein für das „richtige" Aussehen. Verantwortlich hierfür sei nicht zuletzt das über Medien und Mode verbreitete Schönheitsideal, meint Götz-Kühne. „Dabei werden gezielt junge Konsumenten angesprochen", sagt auch Martina Hartmann, die als Sozialarbeiterin im Bereich Essstörungen in Berlin arbeitet. Das Aussehen spielt als Beliebtheitsfaktor eine große Rolle. Ob Kinder in einer bestimmten Clique ankommen, darüber entscheidet immer häufiger die Figur. „Bereits Drittklässler wissen Gewicht und Konfektionsgröße ihrer Mitschüler", erzählt Götz-Kühne. Die Reduzierung des Körpergewichts wird zu einer Art Wettkampf. „Das beispielhafte Ziel einer Magersüchtigen: eine Jeans in Größe 24 zu tragen", berichtet die Psychologin Ellen Rosemeier vom Beratungszentrum Dick & Dünn e.V. in Berlin.

Ein Großteil der Models hat eine unter dem Durchschnitt liegende Kleidergröße. Die meisten Models, davon ist der Stuttgarter Therapeut Dietrich Munz überzeugt, könnten ihr Gewicht ohne Diäten nicht halten. Schon Schaufensterpuppen würden ein völlig unrealistisches Bild vermitteln.

Bei Mädchen und jungen Frauen gelten Magersucht und Essbrechsucht als die häufigste psychosomatische Krankheit. Weit über zehn Prozent aller weiblichen Jugendlichen leiden an ihr. Dabei sind Depressionen und Essstörungen häufig aneinander gekoppelt. Essstörungen würden oft auch vorhandene Depressionen überdecken, weiß Munz aus Erfahrung.

Die Ursachen seien vielschichtig. So dient Magersucht zum Beispiel zur Kompensierung von Gefühlen. „Viele Betroffenen empfinden den Hunger als ein Gefühl, das man benennen kann und die anderen Gefühle, mit denen sie nicht umgehen können, unterdrückt", beschreibt Rosemeier. Meist habe die krankhafte Gewichtsminderung eine Funktion. Die Aufmerksamkeit soll auf die eigene Person gezogen oder indirekt um Hilfe gebeten werden.

Irreversible Zahnschäden und Paradonthose, Nierenschädigungen und Kreislaufschäden, die auch nachdem die Krankheit schon bewältigt ist, noch zum Tod führen können, sind die gesundheitlichen Spätfolgen von Bulimie wie auch den anderen Formen von Essstörungen. Munz weist zudem auf die erschreckende Abnahme der Knochendichte hin, die Essbrechsucht und Magersucht mit sich bringen. So sei die Knochendichte einer 25-Jährigen, die etwa neun Jahre an Anorexie leidet, entsprechend der Knochendichte einer 70 Jahre alten Frau.

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